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8. January 2006, 18:18   #1
Syilver
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CD-Tipp: Corvus Corax - Cantus Buranus

CD-Tipp: Corvus Corax - Cantus Buranus

Der mittelalterlich begeisterten Abteilung, dürften diese Barden selbstredend ein Begriff sein. Bereits seit langer Zeit bereichert die Kolkraben-Combo neben einschlägigen Mittelalterfesten, mittlerweile weltweiten Konzertauftritten und einigem an Veröffentlichungen, das Klangbild, nicht nur der schwarzen (Sub)Kultur. Ich persönlich war nicht unbedingt ein wirklich glühender Fan, obwohl sich das jetzt schlagartig geändert hat, aber von Anfang an:

(es geht um diese Scheibe ->)

..:Cantus Buranus:..

Wieder einmal beim örtlichen Einzelhandel zu Gast, musste ich als erstes einmal feststellen, dass meine lieb gewonnene Ordnung abhanden gekommen war, da irgendwer beschossen hatte, der Laden bräuchte ein neues Gesicht. Angesichts dieses Frevels schon recht grummelig unterwegs, machte ich mich auf die Suche nach meiner heiß geliebten Indi-Abteilung, nur um mir gewahr zu werden, dass diese wohl der Veränderung zum Opfer fiel. Meine Laune nun endgültig im Keller, schlich ich missmutig durch die Regale, packte einige DVDs ein und landete in der Hard & Heavy Sparte. Wer bitte kommt auf die Idee, eine Band wie Corvus Corax hier zu exponieren? Wieder einmal drängt sich mir die Frage ins Bewusstsein, warum alle Musikbanausen dieser Welt, grundsätzlich als Regale-Befüller in Plattenläden arbeiten müssen? Ich finde auch dieses mal keine Antwort.

Meine Augenbraue schnellt nach oben, als ich den kleinen Aufkleber wahrnehme, so einer, wie ich sie immer hasse, weil die beim Ablösen zurück bleibende Klebeschicht die Hülle versaut. "Orchestral version of the mediaevil manuscript of carmina burana" steht auf dem Schildchen. Meiner Kehle entringt sich ein abgrundtiefer Seufzer. Nicht schon wieder! Warum um Himmels Willen, muss sich eigentlich jeder, der sich einbildet, drei halbwegs annehmbare Töne zu Stande zu bringen, an diesem Epos versuchen? Vor allem, weil das Ganze dann mit ziemlicher Sicherheit klingt, als sei Carl Orff höchstselbst vergewaltigt worden und habe dabei sein Ableben jodelnd verkündet. Noch ein Seufzer, der mir einen sichtlich irritierten Blick von links einbringt.

Der junge Mann wirkt in dem Moment als mein Blick in seinem versinkt äußerst indisponiert, verunsichert und das Lächeln was ich auf meines hin ernte, ist mehr als nur zerbrechlich - er flüchtet. Ich komme aus dem Seufzen nicht mehr raus heute, das alte Spiel. Auf ein Lächeln hin, flüchten viel mehr Menschen, als auf einen finsteren Bilck, daran sind mittlerweile alle gewöhnt. Ich stelle die Scheibe zurück ins Regal, drehe mich weg und - "aber es ist Corvus Corax." Mein Über-Ich meint sich mit mir unterhalten zu müssen, wie schön. Ja, verflixt, es ist Corvus Corax und wenn ich irgendwem zutraue die Carmina Burana zu interpretieren, und das ohne sie dabei völlig zu zerhackstücken, dann dieser Truppe. Ich greife die CD, werfe sie mit Todesverachtung in den Korb und schwöre mir, dass dies das letzte mal ist, dass ich eine Carmina inspirierte Silberscheibe kaufe. Ist das Ding Mist, dann hat es sich was mit Raben und Mittelalter.

An der Kasse der nächste Schock. Nein, ich lasse mich jetzt nicht auch noch über Preise aus, die man mit einem Wort nur noch als unverschämt bezeichnen kann, das Eaborat nimmt sowieso schon epische Ausmaße an. Kurz und gut, Zuhause angekommen, packe ich mit innerlich misstrauischem Zittern das Machwerk in den player und lausche fasziniert dem, was da leise aus den Boxen klingt. Ich habe etwas vergessen, was ich dem Leser nun auch noch ans Herz legen möchte. Eine Gleichung, die man im Bezug auf manche Bands immer berücksichtigen sollte:

(band xy) = Corvus Corax = das muss laut!

liebe kinder, bitte nicht nachmachen! papa, mama und die nachbarn werden richtig, richtig böse! wünscht/kauft euch einen kopfhörer wenn es in eurer nähe irgendwen gibt, den ihr belästigen könntet! ich bin erwachsen, darf das also und 'liebe' meine nachbarn - die mich übrigens auch.

Mein Finger blieb also auf dem Lauter-Regler, und das, bis fast nichts mehr ging. Habe ich schon erwähnt dass Bose tolle Boxen baut? Und was da dann aus besagt tollen Boxen kam, das hat mich spätestens ab Titel 4, namens Lingua Mendax, sowas von überzeugt, mir standen vor Freude fast die Tränen in den Augen. Einer meiner wesentlichsten Kritikpunkte aller Carmina Burana-Projekte (sprich deren Interpretation) war immer, dass sich das Ganze nicht eigenständig sehen ließ. Es klang durchgängig wie der klägliche Versuch, an der bereits bestehenden Klangkomposition des Carl Orff herum zu doktern. Diese Komposition ist für sich genommen überaus genial, jedoch ist gerade darum zu wünschen, dass man diese Genialität einmal akzeptiert und nicht mit irgendwelchen unterlegten Klängen verschandelt.

Etwas Eigenständiges, etwas Anderes, das hätte ich mir gewünscht und Corvus Corax wurden somit für mich zum Christkind und dem Osterhasen im Kombipack. Mit Fug und Recht verdient "Cantus Buranus" die Deklaration als eigenständiges, sinfonisches Werk! Die aus der Carmina Burana entliehenen Inspirationen, beschränken sich auf Trink- und Spielmannslieder, die jedoch in einer derartig kraftvollen Tonvielfalt daherkommen, dass einem schnell klar wird, dass es eine Carmina hier auch nicht wirklich gebraucht hätte. Diese Jungs können selber etwas und das beweisen sie unerhört eindrucksvoll! Pauken, Dudelsackklänge, etwas das sich fast anhört wie eine Zimbel, Passagen der getragenen, schwermütigen Weise, in Ablösung und Wechsel mit regelrecht bombastisch anmutenden Klanggebilden. Das alles unterlegt mit wunderbaren Chorgesängen und sich herrlich rund zusammen fügend zu einem Gemälde aus Musik. Was bin ich froh, dass mein player eine Endlosschleife hat!

fazit: bei goth, kaufe er/sie/es diese scheibe! für ca.17 der euren, wird sie sein - dein!

-> dingeldangeldöngelöng

Best wishes
Syilver