Skats

Datenschutzerklärung Letzten 7 Tage (Beiträge) Stichworte Fussball Tippspiel Sakniff Impressum
Zurück   Skats > Interessant & Kontrovers > Das Leben
Registrieren Hilfe Benutzerliste Kalender Alle Foren als gelesen markieren


 
 
24. June 2008, 10:37   #176
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
24. Juni 1948: Die Berlin-Blockade beginnt

In der Nacht zum 24. Juni 1948 gehen in West-Berlin die Lichter aus. 2,3 Millionen Menschen sitzen im Dunkeln. Die sowjetischen Alliierten haben ohne Vorwarnung die Stromversorgung unterbrochen. Im Laufe der nächsten Stunden sperren sie sämtliche Land- und Wasserwege von Westdeutschland zur Hauptstadt. West-Berlin wird zur Insel. Kein Zug, kein Schiff und kein Laster kann sie mehr beliefern.

Die Berlin-Blockade ist die Folge eines Konflikts zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion, der sich in den letzten Monaten zugespitzt hat. Die Blöcke liegen ideologisch zu weit auseinander, um sich über eine gemeinsame Zukunft Deutschlands zu einigen. Aus Protest gegen den Beschluss der Londoner Sechs-Mächte-Konferenz, einen westdeutschen Bundesstaat zu gründen, verlässt die sowjetische Delegation am 20. März 1948 den Alliierten Kontrollrat. Damit endet die gemeinsame Verwaltung Deutschlands durch die vier Siegermächte. Am 20. Juni 1948 führen die westlichen Alliierten in ihren Besatzungszonen die neue West-Mark ein. Drei Tage später zieht die sowjetische Militärverwaltung mit der Ostmark nach. Als die Westmächte ihre Währungsreform auch auf ihre Berliner Sektoren ausdehnen, blockieren die Sowjets den Westteil der Stadt. "Unmenschlich, brutal", urteilt der amerikanische Stadtkommandant Frank Howley. Mit einer Hungersnot der Berliner solle der Rückzug der Alliierten erzwungen werden.

Doch für US-Militärgouverneur Lucius Clay kommt ein Zurückweichen der Westmächte nicht in Frage. Denn das wäre ein Widerspruch zur amerikanischen "Truman-Doktrin", die den Kommunismus möglichst eindämmen will. Die Alliierten organisieren deshalb eine Luftbrücke. Binnen zwei Tagen landen die ersten Flugzeuge auf dem Flughafen Tempelhof. Neben den Amerikanern beteiligen sich auch Briten, Kanadier, Australier und andere Nationen. Berlin wird mit Kohle, Lebensmittel und Medikamenten versorgt. Zu Spitzenzeiten landen die Maschinen alle 70 bis 90 Sekunden in Tempelhof, Gatow und Tegel. US-Pilot Gail Halverson kommt auf die Idee, aus alten Fallschirmen Mini-Fallschirme zu bauen, die er während des Anflugs abwirft. Daran angebracht sind Süßigkeiten für Kinder und Jugendliche, die den Flugbetrieb beobachten. So entsteht die Bezeichnung Rosinenbomber. Bald beteiligen sich alle Air-Force-Piloten an der "Operation Little Vittles" ("Operation kleine Verpflegung"). Während der Blockade liefert die amerikanische Hilfsorganisation "Care" täglich mehr als 1.000 "Care"-Pakete nach Berlin. Der Widerstand lohnt sich: Nach einer Vereinbarung der Westmächte mit der Sowjetunion hebt die militärische Militärverwaltung in Ost-Berlin die Blockade am 12. Mai 1949 auf. Insgesamt 2,3 Millionen Tonnen Fracht sind bis dahin über den Luftweg nach Berlin gebracht worden. Rund 280.000 Flüge waren dafür notwendig.

Klick
 
25. June 2008, 19:11   #177
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
25. Juni 1903: George Orwell wird geboren

Von der Gewalttätigkeit ihres Bauern Jones haben die Tiere die Schnauze voll. Eines Tages vertreiben sie den Betrunkenen vom Hof und errichten eine demokratisch organisierte Republik. Dann aber beginnen die Schweine unter ihrem Leit-Eber Napoleon, insgeheim eine Staatspolizei aufzubauen. In George Orwells Roman "Farm der Tiere" (1945) schlägt die Diktatur des Nutzviehs um in mörderische Terrorherrschaft. "Alle Tiere sind gleich" hatte der kommunistische Grundsatz der Farm einst geheißen. "Aber manche Tiere sind gleicher" rechtfertigen die Schweine ihr Regime.

Mit Unterdrückung und sozialer Ungerechtigkeit ist George Orwell Zeit seines Lebens konfrontiert. Als Eric Arthur Blair wird er am 25. Juni 1903 in Motihari, Britisch-Indien, geboren. Sein Vater ist Kolonialbeamter, die Mutter nimmt den Jungen mit nach London. Hier gilt der gute Schüler, der es mit einem königlichen Stipendium sogar an die Elite-Schule Eton schafft, als Außenseiter. Mit 19 Jahren geht Orwell als Kolonial-Polizist ins britische Birma, wo er Zeuge von willkürlicher Machtausübung und Gewalt wird. Nach England zurückgekehrt, lebt er eine zeitlang unter den Obdachlosen Londons. 1937 nimmt er auf Seiten der Kommunisten am Spanischen Bürgerkrieg teil. Viele seiner Erlebnisse unter den Ausgestoßenen und Entrechteten verarbeitet er zu eindringlichen Reportagen. Mit seiner Polit-Fabel "Farm der Tiere" über den traurigen Verlauf der Russischen Revolution wird er schließlich weltberühmt.

1949 veröffentlicht Orwell seinen Roman "1984" über einen totalen Überwachungsstaat, in dem die Geheimpolizei im Dienst des "Großen Bruders" eine Liebe unter Andersdenkenden durch Folter und Gehirnwäsche systematisch zerstört. Das Buch ist von Beginn an als Vermächtnis geplant: Orwell ist bereits schwer von einer Tuberkulose gezeichnet, die vielleicht noch aus seiner Zeit als Obdachloser herrührt. Der Autor stirbt 1950 in London. Erst 57 Jahre später kommt heraus, dass er selbst über Jahrzehnte vom britischen Geheimdienst MI5 überwacht worden ist.

Klick
 
26. June 2008, 20:12   #178
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
26. Juni 1498: In China wird die Zahnbürste erfunden

Bis weit ins 19. Jahrhundert ist kariöse Mundfäule in Europa eine kaum zu bezwingende Geißel der Menschheit. Nach dem Essen reinigen sich nur die Wenigsten die Zähne, und wenn, dann nur mit aromatischen Zahnhölzern, deren Wirkung allenfalls kosmetisch ist. Erst die Zahnbürste aus Elfenbein mit Schweineborsten schafft da Besserung. Erfunden wird sie laut einer chinesischen Enzyklopädie bereits 1498 im Land des Lächelns. Das ist eine Revolution der Mundhygiene.

Allerdings setzt sich die Idee der Zahnbürste im Westen nur schleppend durch. Zwar bringen Kaufleute die Erfindung bereits im 17. Jahrhundert mit nach Europa. Doch ist das hygienische Borstenstück zunächst nur für die Reichen erschwinglich. Zudem warnen Mediziner Jahrhunderte lang vor den Gefahren. Vom groben Bürsten könnten die Zähne irreparablen Schaden nehmen, wird behauptet, abgefallene Borsten den Blinddarm lebensgefährlich entzünden. Erst im 20. Jahrhundert, als sich der Glauben in ihre wohltuende Wirkung allmählich durchsetzt, ist die Zahnbürste dank staatlicher Subventionierung in aller Munde: vor allem in dem der Kinder, denen die Regierung kostenlos Zahnbürsten zur Verfügung stellt. Der Grund ist militärisch: auch im wehrfähigen Alter sollen die potenziellen Soldaten noch kraftvoll zubeißen können.

Dank Nylon und Kunststoff können Zahnbürsten seit den fünfziger Jahren immer billiger hergestellt werden. Zu dieser Zeit macht der Amerikaner Dr. Best den Reinigungsartikel mit Hilfe der angeblich zahnfleischschonenden V-Borsten - und mit tatkräftiger Unterstützung des Tomaten-Drucktests in der Fernsehwerbung - populär. Inzwischen putzen Jung und Alt mit der Zahnbürste. Trotzdem ist Karies immer noch die teuerste Volkskrankheit überhaupt.

Klick
 
27. June 2008, 18:07   #179
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
27. Juni 1933: Gesetz zum Unternehmen "Reichsautobahnen"

Kurz nach der Machtübergabe - die fälschlicherweise häufig als Machtergreifung bezeichnet wird - verspricht Reichskanzler Adolf Hitler im Februar 1933 auf der Internationalen Automobilausstellung in Berlin, den Straßenbau in Deutschland voranzutreiben. Drei Monate später kündigt er offiziell den Bau eines Straßennetzes an, das ausschließlich für den Autoverkehr gedacht sei. Zu diesem Zeitpunkt besitzt nur jeder 42. Deutsche ein Auto. Am 27. Juni 1933 wird per Reichsgesetz beschlossen: Eine staatliche Gesellschaft soll im ganzen Land Autobahnen bauen und betreiben. Das so genannte Unternehmen "Reichsautobahnen" ist eine Tochtergesellschaft der deutschen Reichsbahn. Damit unterläuft Hitler den Protest der Eisenbahner, die sich bis dahin gegen den Bau von Autobahnen ausgesprochen haben. Im September 1933 setzt Hitler in Frankfurt am Main den ersten Spatenstich zur ersten geplanten Teilstrecke über Mannheim nach Heidelberg.

Die Nazi-Propaganda spricht anschließend immer wieder von den "Straßen des Führers". Es entsteht die Legende, Hitler habe die Autobahn erfunden. Dabei gibt es in Italien längst so genannte kreuzungsfreie Nur-Autostraßen. In Berlin existiert seit 1921 eine Automobil- und Verkehrsübungsstrecke (Avus). Die heutige A555 von Köln nach Bonn wird 1932 im Beisein des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer eingeweiht. Noch in der Weimarer Republik sind die Nazis strikt gegen den Bau von Autobahnen, die sie damals als Luxusstraßen der Reichen bezeichneten. Doch nach der Machtübergabe greift Hitler auf die Entwürfe aus der Weimarer Zeit zurück: Der bereits 1926 gegründete Berliner Verein zur Vorbereitung der Autostraße Hamburg-Frankfurt-Basel (HAFRABA) hatte als ersten Bauabschnitt die Strecke von Frankfurt über Mannheim nach Heidelberg geplant. Nur so kann Hitlers angeblich genialer Einfall innerhalb weniger Monate zur Baureife gelangen.

Eine weitere Legende ist die Behauptung, Hitler habe mit dem Autobahnbau die Arbeitslosigkeit beseitigt. 1933 gibt es 4,8 Millionen Arbeitslose. Ein Jahr später sind es tatsächlich rund zwei Millionen weniger. Der Rückgang ist allerdings nicht auf Hitlers Arbeitsbeschaffungsprogramm zurückzuführen, sondern auf den weltweiten Aufschwung nach der Weltwirtschaftskrise von 1929. Insgesamt hat nicht, wie von Hitler versprochen, eine halbe Million Menschen auf den Autobahn-Baustellen Arbeit gefunden. Auf dem Höhepunkt der Bauphase werden kurzzeitig maximal 200.000 Arbeiter beschäftigt. In den Wochenschauen wird der Autobahnbau als Spiegelbild deutscher Größe, Stärke und Einheit gefeiert. Von den geplanten 6.900 Kilometern werden knapp 4.000 bis 1942 fertig gestellt. Da der Straßenbelag für schwere Lastwagen zu dünn ist, werden die Güter überwiegend auf der Schiene transportiert, ebenso die deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg. Militärisch genutzt werden die Autobahnkilometer erst zum Kriegsende: von den Alliierten.

Klick
 
28. June 2008, 12:21   #180
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
28. Juni 1993: Erster Verurteilter nach DNA-Analyse freigelassen

Der US-Amerikaner Kirk Bloodsworth ist verzweifelt, sein Leben ist zerstört. Keinen Cent mehr sei es damals wert gewesen, spricht der Marinesoldat nach seiner Freilassung später in die zahlreichen Mikrophone der Reporter: "Die Menschen schauten mich mit Ekel an. Als ich verurteilt wurde, applaudierte der ganze Gerichtssaal. Die Leute schrieen: 'Jetzt gehst du ins Gas!'"

1984 wird Kirk Bloodsworth wegen der Vergewaltigung und Ermordung eines neunjährigen Mädchens zum Tode verurteilt. Fast neun Jahre lang sitzt er in der Todeszelle. Aber er gibt nicht auf. Sein Hobby wird schließlich zum Lebensretter: 6.000 Bücher liest der Ex-Soldat in der Gefangenschaft, darunter auch eines über die neue Möglichkeit, mit Hilfe eines "genetischen Fingerabdrucks", der DNA-Analyse, die Schuld oder Unschuld eines Verdächtigen nachzuweisen. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen die gleiche Erbsubstanz aufweisen, liegt bei eins zu fünf Milliarden: ein Umstand, der auch die Richter schließlich bewegt, den Fall wieder aufzurollen und die relativ teueren Untersuchungen durchführen zu lassen. Die Polizei vergleicht Bloodsworths DNA mit der Erbsubstanz in den am Tatort sichergestellten Spermaspuren. Ergebnis: beide sind nicht identisch. Am 28. Juni 1993 wird Bloodsworth vor laufenden Kameras nach acht Jahren, elf Monaten und 19 Tagen aus der Haft entlassen.

Seit Bloodworths Entlassung kamen in den USA mehr als 100 unschuldig zum Tode Verurteilte aufgrund einer DNA-Analyse frei. Überhaupt ist der genetische Fingerabdruck heute eine der zuverlässigsten Methoden in der Aufklärung von Verbrechen. Allein in Deutschland wurden seit 1998 rund 55.000 Tötungsdelikte, Vergewaltigungen und Diebstähle auf diese Weise aufgeklärt.

Klick
 
29. June 2008, 12:41   #181
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
29. Juni 1958: Brasilien wird erstmals Fußball-Weltmeister

Stellen Sie sich vor, es ist Fußball-Weltmeisterschaft und Brasilien gilt nicht als Mitfavorit. Gibt's nicht, sagen Sie? Stimmt; zumindest seit 1958 hat es das nicht gegeben. Wann immer in den vergangenen 50 Jahren um den WM-Titel gespielt wird, zählen die brasilianischen Ball-Zauberer zu den ganz heißen Anwärtern. Immerhin fünf Mal, so oft wie keine andere Nation, kehren sie als Sieger zurück. Und dazwischen, so sehen es jedenfalls die Brasilianer selbst, haben nur höhere Schicksalsmächte, aber keinesfalls eigene Schwächen verhindert, dass das eigentlich Selbstverständliche auf dem Rasen auch Realität wird. In der ewigen WM-Rangliste jedenfalls steht Brasilen noch auf Jahre hinaus uneinholbar an der Spitze - gefolgt von Deutschland und Italien. Begonnen hat das Fußball-Märchen von der unbesiegbaren Seleção in Schweden, im Rasunda-Stadion von Stockholm.

Am 29. Juni 1958 steht Brasilien dort erstmals in einem Weltmeisterschaftsfinale. Gegner und krasser Außenseiter ist Gastgeber Schweden. Das Team der Südamerikaner ist gespickt mit Stars, der jüngste von ihnen wird Jahrzehnte später "Welt-Fußballer des Jahrhunderts" sein. Im Finale von Stockholm geht der Stern des 17-jährigen Edson Arantes do Nascimento auf, besser bekannt als Pelé. Zunächst aber sieht es schlecht aus für Brasilien, denn fünf Minuten nach dem Anpfiff schießt Lidholm den Führungstreffer für die Gastgeber. Prompt kommen schmachvolle Erinnerungen hoch an die dunkelste Stunde des brasilianischen Fußballs, als die Seleção 1950 den WM-Titel im überfüllten Maracana-Stadion von Rio de Janeiro ausgerechnet gegen Uruguay verspielte. Doch im Rasunda-Stadion währt die Schweden-Führung nur drei Minuten. Dann dreht die Wunder-Elf um Kapitän Bellini auf.

Der ungekrönte Dribbel-König Garrincha spielt die Schweden schwindelig und Pelé, der allein zwei Tore schießt, führt seinen Gegnern Tricks vor, die sie noch nie gesehen hatten. Fünf unhaltbare Treffer jagen die Brasilianer den Schweden schließlich ins Netz, das Spiel geht 5:2 aus. Mehr als einmal ist es im Stadion mucksmäuschenstill, weil die Zuschauer vor ungläubigem Erstaunen verstummen. "Fußball wie Jazz-Musik" steht anderntags in der Zeitung. Hauptdarsteller Pelé scheint den Ball wie einen Teil seines Körpers zu bewegen. "Er nimmt den Ball an, lässt ihn am Körper hochlaufen und wieder auf den Fuß fallen", schreibt ein Augenzeuge. "Er dreht sich, blufft den Angreifer, hebt den Ball wieder hoch - und diesmal fällt er auf den anderen Fuß. Ballzauber. Hexerei." Den WM-Titel in Stockholm gewinnt Pelé als bis heute jüngster Spieler aller Zeiten.

Im Jahr darauf schießt der Wunderknabe mit Schuhgröße 38 für den FC Santos 127 Tore in einer Saison. Als der bekannteste Fußballer der Welt 1977 im New Yorker Giants Stadium endgültig Abschied vom Rasen nimmt, wird das Spiel in 40 Länder der Welt übertragen.

Klick
 
30. June 2008, 10:34   #182
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
30. Juni 1893: DDR-Mitbegründer Walter Ulbricht geboren

"Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer", ruft der weißhaarige, bärtige Mann vom Podium in die Menge. 1906 steht dort der 13-jährige Walter Ulbricht aus Leipzig mit seinem stramm sozialdemokratischen Vater und lauscht fasziniert den Ideen von August Bebel. Walter ist blass, unscheinbar und kontaktarm, aber ungeheuer fleißig. Schon als Jugendlicher studiert er Marx, Engels, Lenin, bildet seine politische Weltsicht aus, doch für eine Parteikarriere als Nachwuchsfunktionär scheint dieser verklemmte Jungsozialist seinen Zeitgenossen denkbar ungeeignet. Ulbricht lernt das Agieren im Hintergrund, erledigt das, was andere wegschieben und macht sich unentbehrlich. Die 30er Jahre verbringt der Berufsfunktionär im Moskauer Exil. Dort arbeitet sich Ulbricht bis in die "Kleine Kommission" vor, die über Parteiausschlüsse und damit über Leben und Tod entscheidet. Sein Kollege dort ist ein ebenso ideologiefester Pfeifenraucher namens Herbert Wehner. Am 1. Mai 1945 kehrt Walter Ulbricht zurück nach Berlin, organisiert in der sowjetisch besetzten Zone die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD und nimmt den planmäßigen Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik in Angriff.

Anfang Mai 1953 bereitet eine Kommission den 60. Geburtstag von Walter Ulbricht vor. Dem Mitbegründer der DDR und Generalsekretär der Einheitspartei SED schwebt ein Massenspektakel vor. Mit kostspieligen Paraden und pompösem Staatsakt. In Moskau lösen Ulbrichts Pläne angesichts von Versorgungsengpässen und Flüchtlingsströmen gen Westen heftiges Stirnrunzeln aus. Trotzdem legt der ebenso gelehrige wie dogmatische Schüler von Liebknecht und Stalin noch eins drauf und erhöht seinen Volksgenossen die Arbeitsnormen um zehn Prozent - zu erfüllen bis 30. Juni, seinem Geburtstag. Nach heftigen Rüffeln sowohl von der sowjetischen Führung als auch vom eigenen Politbüro rudert Ulbricht halbherzig zurück. Am 16. Juni ziehen Bauarbeiter auf die Berliner Stalinallee und rufen: "Der Spitzbart muss weg". Der Aufstand des 17. Juni ist nicht mehr aufzuhalten.

Nachdem 20.000 Rotarmisten und 8.000 Volkspolizisten brutal für Ordnung gesorgt haben, feiert Ulbricht am 30. Juni 1953 seinen 60. Geburtstag in bescheidenem Rahmen. Doch der mit allen Wassern gewaschene Beton-Kommunist übersteht die Krise im Amt so unbeschadet, wie er zuvor schon Stalins Säuberungen überlebt hat. Trotz aller Kritik wagt es niemand, den unscheinbaren, hinter den Kulissen aber knochenharten Parteichef zu stürzen. Zum Ende seiner Ära in den 60er Jahren kann Ulbricht gar für sich verbuchen, die DDR zum höchsten Lebensstandard unter allen Ostblockländern geführt zu haben. Als der jeder Realität schon weit entrückte Staatsratsvorsitzende daraufhin Moskaus Führungsanspruch in Frage stellt, ist sein politisches Ende besiegelt. Chruschtschow-Nachfolger Leonid Breschnew und der junge Erich Honecker fegen das greise, aber immer noch amtierende Staatsoberhaupt der DDR durch Nichtbeachtung schlicht von Bühne und untersagen ihm "aus gesundheitlichen Gründen" jede Betätigung. Am 1. August 1973 werden die Weltfestspiele der Jugend in Ost-Berlin nur kurz durch Meldungen von Ulbrichts Tod überschattet.

Klick
 
1. July 2008, 08:40   #183
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
01. Juli 1958: Gleichberechtigungsgesetz tritt in Kraft

Im "Dritten Reich" haben Frauen nichts zu sagen. Für Adolf Hitler ist klar: "Gleichberechtigung der Frau? Nein, die Natur hat die Frau dafür nicht geschaffen." In der jungen Bundesrepublik ändert sich das Frauenbild. Vier Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur berät der Parlamentarische Rat über das Grundgesetz - 61 Männer und vier Frauen. Die neue Verfassung wird von ihnen am 8. Mai 1949 beschlossen und von den Alliierten genehmigt. In Artikel drei, Absatz zwei heißt es: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Diesen kurzen Satz haben die vier Mütter des Grundgesetzes gegen den Widerstand manch ihrer männlichen Kollegen erkämpft.

Die Politikerinnen wollen das noch aus der Kaiserzeit stammende Ehe- und Familienrecht ändern. Dazu brauchen die Frauen das Argument: Dieses alte Recht verstößt gegen das neue Grundgesetz. Die Sozialdemokratin Elisabeth Selbert, eine der vier Frauen, die das Grundgesetz mitverantworten, fordert deshalb "bis zum Jahre 1953 die Gleichstellung der Frau zu verwirklichen und alle entgegenstehenden Bestimmungen aufzuheben".

Doch dieses Anliegen, das im Grundgesetz-Artikel 117 als Übergangsbestimmung festgehalten ist, wird nicht fristgerecht umgesetzt. Erst im Juni 1957 verabschiedet der Bundestag das so genannte Gleichberechtigungsgesetz, das das Ehe- und Familienrecht an das Grundgesetz anpasst. Es tritt am 1. Juli 1958 in Kraft. Über die zentralen Punkte debattieren die Abgeordneten lange. Umstritten ist etwa die Erwerbstätigkeit der Frau. Bisher konnte der Ehemann seiner Frau verbieten, ihren Beruf auszuüben. Schließlich einigt man sich auf einen Kompromiss: Eine Ehefrau darf auch gegen den Willen ihres Mannes arbeiten gehen - aber nur, wenn Mann und Kinder darunter nicht leiden.

Auch um den so genannten Stichentscheid gibt es Diskussionen. Bislang hatten die Ehemänner das letzte Wort in strittigen Ehe- und Familienfragen, etwa wenn es um die Wahl des Wohnsitzes ging. Auch dieses Vorrecht wird von manchen Parlamentariern verteidigt. Am Ende steht abermals ein Kompromiss: Die Frauen dürfen nun bei Familienangelegenheiten mitreden, bei Erziehungsfragen jedoch behalten die Männer das alleinige Entscheidungsrecht. Gesetzlicher Vertreter der minderjährigen Kinder bleibt allein der Vater. Selbst bei unehelichen Kindern ist nicht die Mutter, sondern ein Amtsvormund zuständig.

Der Traum der SPD-Politikerin Selbert, "das Werk der Befreiung der Frau endgültig zu vollenden", wird mit dem Gleichberechtigungsgesetz von 1957/1958 nicht verwirklicht. Aber es ist ein erster Schritt: Frauen brauchen nun nicht mehr die Einwilligung ihres Mannes, wenn sie ein Konto eröffnen wollen. Sie haben bei einer Scheidung Anspruch auf Unterhalt und dürfen nun selbst über ihr eigenes Geld verfügen. Bisher gehörte alles, was eine Frau mit in die Ehe brachte, automatisch ihrem Mann.

Klick
 
2. July 2008, 11:58   #184
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
02. Juli 1993: Bundestag billigt Bundeswehr-Einsatz in Somalia

Der Einsatz ist Ehrensache, findet Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Nach seinem Willen soll die Bundeswehr an der militärischen UN-Mission im ostafrikanischen Somalia teilnehmen. Die anderen UN-Mitgliedsstaaten hätten die Bundesrepublik aufgefordert, sich für die internationale Zustimmung zur Deutschen Einheit erkenntlich zu zeigen - sagt Kohl: "Jetzt erwarten wir von euch, dass ihr euch eurer Verantwortung in dieser Welt stellt und euch nicht feige wegdrückt." Die Opposition sieht das anders: Es geht nicht um Ehre, meint Günter Verheugen (SPD). Die Bundesregierung wolle neue Fakten schaffen und demonstrieren, "dass sich die Bundesrepublik Deutschland an militärischen Einsätzen außerhalb der Landesverteidigung jetzt endlich wieder beteiligen kann". Solche Einsätze seien nicht durch die Verfassung gedeckt.

Bereits im April 1992 haben die Vereinten Nationen insgesamt rund 20.000 Blauhelm-Soldaten aus 29 Ländern nach Somalia geschickt. Sie sollen die Waffenruhe zwischen den verfeindeten Clan-Führern überwachen und die unter dem Bürgerkrieg leidende Bevölkerung unterstützen. Die ersten deutschen Truppen sind längst im Einsatz, als in der Bundesrepublik die Debatte aufflammt: Im Sommer 1992 hat die Luftwaffe der somalischen Bevölkerung Hilfsgüter geschickt. Anfang 1993 bitten die Vereinten Nationen die Bundesrepublik um weitere Unterstützung. Bundeskanzler Kohl hatte diese Hilfe angeboten. Sein Kabinett und die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundestag entscheiden sich für einen Einsatz. Die SPD klagt vor dem Verfassungsgericht, bleibt aber erfolglos. Außenminister Klaus Kinkel (FDP) darf verkünden, "dass die Beteiligung der Bundeswehr an der militärischen Operation der Uno in Somalia Unosom II aufrechterhalten und fortgeführt werden darf, wenn und soweit der Deutsche Bundestag dies beschließt".

Daraufhin spricht sich der Bundestag am 2. Juli 1993 ein zweites Mal für den Somalia-Einsatz aus. Erstmals werden nun bewaffnete deutsche Soldaten in einen humanitären Einsatz außerhalb des Nato-Gebietes geschickt. Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) versichert: "Wir stellen keine Kampftruppen, sondern wir stellen nur Versorgungstruppen aufgrund der besonderen verfassungspolitischen Diskussion in Deutschland." Die deutschen Soldaten sollen in Belet Huen, nördlich von Mogadischu, ein indisches Kontingent versorgen. Doch die Inder kommen nicht. Die rund 1.700 Bundeswehr-Angehörigen erledigen deshalb andere Aufgaben: Sie bohren Brunnen, bauen Waisenhäuser, Schulen, Straßen, Dämme und übergeben Prothesen an Minenopfer. Doch immer wieder gibt es Schießereien mit Toten und Verletzten. Im März 1994 verlassen die Deutschen zusammen mit einem Großteil der UN-Truppen das immer gefährlich werdende Land. SPD-Politiker Verheugen kritisiert: "Ich sage, dass die Bundesregierung die Bundeswehr für eine politische Demonstration missbraucht hat." Nach ihrer Regierungsübernahme 1998 schickt die SPD selbst, gemeinsam mit den Grünen, deutsche Soldaten ins Ausland - zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg zum Kampfeinsatz, in den Kosovokrieg.

Klick
 
4. July 2008, 07:15   #185
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
03. Juli 1883: Franz Kafka wird geboren

Am Morgen des 23. September 1912 meldet sich Franz Kafka in der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen" in Prag bei seinem Vorgesetzten ab. Grund sei ein vorangegangener leichter Ohnmachtsanfall, schreibt er als Entschuldigung auf seine Visitenkarte. In Wirklichkeit hat er in der Nacht zuvor seine Erzählung "Das Urteil" ohne Absetzen der Feder zu Ende geschrieben. Der korrekte Angestellte schlägt sich die Nächte um die Ohren, um sich beim Schein künstlicher Beleuchtung das Grauen und das Furchtbare der menschlichen Existenz von der ohnmächtigen Seele zu schreiben.

Kafka wird am 3. Juli 1883 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Prag geboren. Bis zu seinem Tod wird er die meiste Zeit in seiner Heimatstadt verbringen. "Prag lässt mich nicht los", erklärt er sich in einem Brief an einen Freund: "Dieses Mütterchen hat Krallen". Krallen hat auch der Vater, der den Lebensweg des Sohns bestimmt, Verlobungen auflöst und auch sonst allmächtig in die Biografie Kafkas eingreift. In der Erzählung "Das Urteil" beschreibt Kafka 1912 auch dieses schwierige Verhältnis: Hier verurteilt ein Vater seinen Sohn, dessen Hochzeit er durch allerlei Intrigen zu verhindern trachtet, zum "Tode durch Ertrinken". "Das Urteil" gilt als jener Text, durch den der Autor zu seinem unverwechselbaren, düster-klaren Stil gefunden hat. Danach entstehen Meisterwerke wie die Erzählungen "Die Verwandlung" (1915) und "In der Strafkolonie" (1919) oder die Romanfragmente "Der Process" (so die urspüngliche Schreibweise, 1914/15), "Das Schloss" (1926) und "Der Verschollene" (1912), die alle posthum erscheinen.

Zeit seines Lebens behält Kafka ein schwieriges Verhältnis zu den Frauen. Mehrmals ist er verlobt, aber immer hat er Angst, sich endgültig zu binden. Schließlich findet er in Dora Diamant doch noch die Liebe seines Lebens. Da ist Kafka schon schwer an Tuberkulose erkrankt, auch Aufenthalte in Sanatorien können ihm nicht mehr helfen. Er stirbt 1924 im österreichischen Kierling. Testamentarisch verfügt er, dass sein Freund Max Brod alle hinterlassenen Schriften vernichten möge. Zum Glück ignoriert Brod den Wunsch - und rettet der Weltliteratur so eines ihrer bedeutendsten Werke.

Klick
 
4. July 2008, 07:17   #186
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
04. Juli 1913: PVC wird zum Patent angemeldet

Die Herstellung von Seife ist eine unsaubere Sache. Denn dabei entsteht hochgiftiges Chlorgas, dessen Lagerung Probleme macht. Da hat der junge deutsche Chemiker Fritz Klatte von der Chemischen Fabrik Griesheim die geniale Idee, das Chlorgas durch einen festen Stoff zu binden. Klatte verkoppelt Chlorwasserstoff mit Acetylen zu Vinylchlorid und enthält unter Wärmebehandlung ein weißes Pulver namens Polyvinylchlorid. Unter dem Kürzel PVC beginnt es später seinen Siegeszug rund um die Welt.

Am 4. Juli 1913 reicht Klatte sein "Polymerisation" genanntes Verfahren für PVC im Auftrag seines Arbeitgebers beim Patentamt ein. Die Seifen- und Aluminumherstellung ist revolutioniert. Erst später erkennt man, dass Klattes künstlicher Stoff unter Beigabe von Weichmachern, Füllstoffen und Stabilisatoren vielseitig eingesetzt werden kann. In den dreißiger Jahren wird PVC zum Allround-Hilfsmittel der Industrie. Vor allem im Bausektor, bei Bodenbelägen, Rohren, Fensterprofile und Dachbahnen, kommt es zum Einsatz. PVC, so scheint es, löst als Kunststoff alle nur denkbaren Fertigungsprobleme.

Aber die in PVC gesetzte Hoffnung bleibt ein Traum. 1972 stellen Ärzte bei Chemiearbeitern schwere Gesundheitsschäden fest. Es kommt heraus, dass bereits früher Arbeiter gestorben sind, die vor allem in der PVC -Produktion tätig waren. Weitere Untersuchungen bestätigen, dass Vinylchlorid krebserregend ist. Trotzdem ist PVC bis heute im Einsatz. Manfred Braasch vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert deshalb, die Produktion ganz einzustellen. "Es gibt mittlerweile hinreichend Alternativen", betont Braasch: "Kunststoffe, die das problematische Chlor nicht enthalten".

Klick
 
5. July 2008, 13:29   #187
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
05. Juli 1983: Tod von Fußball-Trainer Hennes Weisweiler

Dieser "Hotzenplotz mit Kölner Dialekt" (Die Zeit) hat Meistertitel und Pokalsiege gesammelt wie kaum ein zweiter deutscher Trainer. Und er hat es gehasst zu verlieren, beim Fußball wie beim Skat. Angriffsfußball, so wie er aktuell modern ist, das war schon vor 50 Jahren das Spiel von Hans "Hennes" Weisweiler. Geboren wird die heute noch von Spielern und Kollegen verehrte Trainer-Legende am 5. Dezember 1919 in Lechenich, vor den Toren Kölns. Nach dem Abitur und Kriegsjahren als Flaksoldat kehrt Weisweiler, der als aktiver Spieler für seine kompromisslose Abwehrarbeit berüchtigt ist, ins Rheinland zurück. Beim gerade gegründeten 1. FC Köln erarbeitet er sich als Spieler und Trainer zugleich erste Verdienste - und den Spitznamen "dä Buur" (der Bauer), wegen seiner ländlichen Herkunft und seines polternden Wesens.

Als Zirkusdirektorin Carola Williams dem jungen Verein völlig überraschend einen Ziegenbock als Maskottchen schenkt, tauft die Mannschaft das Tier spontan auf den Namen "Hennes". Seither sind Geißbock und 1. FC Köln untrennbar miteinander verbunden. Nach einem Zwischenspiel als Trainer-Ausbilder an der Kölner Sporthochschule und Assistent von Bundestrainer Sepp Herberger übernimmt Weisweiler 1964 den Regionalligisten Borussia Mönchengladbach. In den folgenden elf Jahren formt er zahlreiche junge Nachwuchstalente zur später als "Fohlen-Elf" berühmt gewordenen Mannschaft und führt sie in der Bundesliga zu drei Meisterschaften sowie zum Gewinn des DFB-Pokals und des Uefa-Cups. Weisweilers Kräche mit seinem rebellischen Mittelfeld-Genie Günter Netzer gehören zur Fußball-Historie. "Abseits ist, wenn das blonde Arschloch den Ball wieder zu spät abspielt", lautet ein bezeichnender Weisweiler-Spruch aus jener Zeit.

Weisweilers berauschende Offensiv-Taktik macht auch bei Europas Spitzenclubs Eindruck. 1975 lockt der FC Barcelona den Meister-Coach mit viel Geld nach Spanien. Dort aber verliert Weisweiler den Machtkampf mit Barcelonas Top-Spieler Johann Cruyff. Nach nur zehn Monaten wird er zum ersten und einzigen Mal in seiner Karriere entlassen. "Der verlorene Sohn" kehrt in seine Heimatstadt Köln zurück und erringt mit dem FC sofort den Pokal, im Jahr darauf sogar das Double aus Meisterschaft und Pokal. 1980 lässt sich Hennes Weisweiler auf das größte Abenteuer seiner Laufbahn ein. Mit dem zusammengewürfelten All-Star-Team von Cosmos New York soll er den Fußball in den USA populär machen. Zwei Jahre später hat der beharrliche Dickkopf von der "Operettenliga" und ihren millionensatten Altstars die Nase voll. Mit seiner 23 Jahre jüngeren Frau Gisela und dem in New York geborenen Sohn John wechselt Weisweiler in die Schweiz, wo er 1982 bei Grashopper Zürich unterschreibt. Der Erfolg bleibt dem "Fußball-Professor", wie er inzwischen genannt wird, auch dort treu. Auf Anhieb führt er den Club zum Double. Völlig unerwartet erliegt Hennes Weisweiler am 5. Juli 1983 einem Herzinfarkt. Bei seiner Trauerfeier im Kölner Dom geben ihm die Welt-Fußballelite und zigtausende Kölner Bürger das letzte Geleit.

Klick
 
7. July 2008, 07:29   #188
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
06. Juli 1898: Komponist Hanns Eisler wird geboren

"Ich versuche mit den Mitteln der Musik, etwas politische Intelligenz in den Menschen hineinzubringen", sagt Hanns Eisler. "Seit meiner Jugend quält mich das Abseitsstehen, das Weghören der Musik vor unseren eigentlichen gesellschaftlichen Zuständen." Der Komponist wird am 6. Juli 1898 in Leipzig geboren, als Sohn eines österreichischen Philosophen und einer deutschen Würstel-Verkäuferin. Den Unterricht im Gymnasium, das von einem Jesuitenpater geleitet wird, findet Hanns "völlig falsch und rückschrittlich": "Ich setzte gegen diesen frühzeitigen Eingriff in mein Leben meine eigene Politik. Ich fing nämlich an, politisch nachzudenken." Er studiert in Wien Musik und trifft auf Arnold Schönberg, der die klassische Musik mit der Zwölfton-Technik revolutionieren will. Schönberg gibt dem Autodidakten Eisler Gratis-Unterricht.

Bekannt wird Eisler in den 20er und 30er Jahren: als Vertoner der Texte von Bertolt Brecht und als Vorkämpfer einer sozialistischen Musikkultur. Er will Leidenschaft, Überzeugung und Kampfeslust vermitteln. Stilistische Vielfältigkeit prägt Eislers Werk: Chanson, Zwölfton-Musik, Kinderlied, Filmmusik. Von den Nazis als "entartet" gebrandmarkt, verbringt Eisler die Exiljahre in Paris, Dänemark, London, Prag, Moskau, New York, Mexiko und Los Angeles. 1948 wird er wegen "kommunistischer Umtriebe" aus den USA ausgewiesen. Das "Komitee für unamerikanische Aktivitäten" bezeichnet ihn als "Karl Marx auf dem Gebiet der Musik". Eisler geht nach Ost-Berlin. Während einer Autofahrt notiert er eine Melodie zu einem Gedicht von Johannes R. Becher. Daraus entsteht die Nationalhymne der DDR.

Im Osten ist Eisler "der führende Kampfmusiker", "die Lichtfigur der linken Musikbewegung", sagt Eisler-Biograph Jürgen Schebera. Auch weil Eisler "im Exil außerordentlich aktiv antifaschistisch tätig gewesen war und als Musikfunktionär gearbeitet hat." Im Westen spielt Eisler lange keine Rolle. Erst die 68-Bewegung entdeckt ihn für sich. Nach der Wiedervereinigung beginnt seine Renaissance. Heute gilt Hanns Eisler, der am 6. September 1962 in Ost-Berlin stirbt, als einer der vielseitigsten und originellsten Komponisten des 20. Jahrhunderts: "Wir sind in einem Zeitalter, in dem das politische Denken nichts Anderes ist als das echte Bewusstsein des Menschen über seine Lage. Das finden Sie hoffentlich in meiner Musik. Würden Sie es nicht finden, würde ich mir die gröbsten Vorwürfe machen."

Klick
 
7. July 2008, 07:31   #189
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
07. Juli 1998: Palästina wird Mitglied der UN-Vollversammlung

"Dies ist die falsche Resolution zur falschen Zeit", sagt der amerikanische UN-Botschafter Bill Richardson. Er ärgert sich erfolglos über die UN-Resolution mit der Nummer 52/250: "Teilnahme Palästinas an der Tätigkeit der Vereinten Nationen". Für die von arabischen Ländern eingebrachte Beschlussvorlage stimmen 1998, am 7. Juli, 124 Mitglieder der UN-Vollversammlung, zehn enthalten sich. Dagegen votieren neben den USA und Israel die Marshall-Inseln und Mikronesien. Im Plenum der insgesamt 185 Mitgliedgliedsstaaten gibt es im Unterschied zum Weltsicherheitsrat kein Veto, die Entscheidungen werden von der Mehrheit gefällt. Seit 1974 hatte die PLO als palästinensische Vertretung bei der UNO lediglich einen einfachen Beobachterstatus. Mit der geplanten Aufwertung können die Palästinenser künftig im Plenarsaal an den Versammlungen der Völkergemeinschaft teilnehmen, Themen auf die Tagesordnung setzen, Resolutionen zum Friedensprozess im Nahen Osten mitinitiieren und Anfragen offiziell beantworten. Weiterhin hat Palästina jedoch weder Stimmrecht noch das Recht, Kandidaten aufzustellen.

Die Aufnahme Palästinas als nicht stimmberechtigtes Mitglied in die Weltorganisation wird von der arabischen Staatengruppe gefeiert. Der palästinensische Vertreter bei den Vereinten Nationen, Nasser al-Kidwa, spricht von einem "kleinen Sieg". Er bedankt sich bei der Vollversammlung und äußert die Hoffnung, dass Palästina einen eigenen Staat bekomme und schon bald als Vollmitglied mit Stimmrecht aufgenommen werde. Die UNO ist für die Palästinenser von historischer Bedeutung: Bereits 1947 hatte die UN-Generalversammlung entschieden, das ehemalige britische Mandatsgebiet Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Doch die UNO unternimmt nichts, als damals die arabischen Staaten die Teilung ablehnen und gegen Israel Krieg führen. Aus dem unabhängigen Palästinenserstaat wird nichts. Jordanien annektiert offiziell das Herzstück dieses Staates: das Westjordanland, englisch West Bank genannt. Ost-Jerusalem besetzt Jordanien ebenfalls. Ägypten okkupiert den Gazastreifen.

Die Palästinenser werden zum Spielball arabischer Machtpolitik. Diese ist an der Zerstörung Israels interessiert, nicht aber an der Gründung eines unabhängigen Palästinas. Das ändert sich erst rund 20 Jahre später, als Israel 1967 im Sechs-Tage-Krieg Ostjerusalem, das Westjordanland und den Gazastreifen erobert. Die Palästinenser werden nun selbst aktiv. Zunächst machen sie mit Terroraktionen auf ihre Lage aufmerksam. Gegen den Widerstand Syriens, des Iraks und Irans schließen sie 1993 mit Israel einen Friedensvertrag. Ein halbes Jahr später beginnt der israelische Teilrückzug aus den besetzten Gebieten. Zur gleichen Zeit ruft die radikale Palästinenserorganisation Hamas zum bedingungslosen Kampf gegen Israel auf. Israel setzt seine Siedlungspolitik fort - und die Palästinenser können sich nicht auf eine gemeinsame Politik gegenüber Israel einigen. Obwohl bereits 1988 symbolisch ausgerufen, wurde ein Staat Palästina bis heute nicht formell proklamiert. So bleibt es für die Palästinenser beim aufgewerteten Beobachterstatus bei der UNO. Die sechs Palästina zugewiesenen Sitzplätze im Plenarsaal befinden sich zwischen den anderen Beobachtern und den Nicht-Mitgliedsstaaten.

Klick
 
8. July 2008, 07:18   #190
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
08. Juli 1908: Melitta-Kaffeefilter wird zum Patent angemeldet

Melitta Bentz ist eine energische Dresdnerin, die weiß, was sie will. Zum Beispiel eine gute Tasse Kaffee genießen. Was der 1873 geborenen Hausfrau und Mutter zweier Söhne allerdings zunehmend die Laune verdirbt, sind die unangenehm bitteren Krümel auf dem Tassenboden: der Kaffeesatz. Unvermeidbar schmuggelt sich der unerwünschte, pampige Brührückstand auf die Zunge und verdirbt den aromatischen Genuss. Eines schönen Tages anno 1908 ist für Melitta das Maß voll. Von Natur aus praktisch veranlagt, nimmt sie einen Messingbecher, schlägt mit dem Hammer kleine Löcher in den Boden, legt ein Stück Löschblatt aus dem Schulheft ihres Sohnes darüber - und erfindet den ersten wirksamen Kaffee-Filter. So einfach wie genial; man muss nur drauf kommen.

Schon lange sucht Melitta Bentz mit ihrem Ehemann Hugo nach einer lukrativen Geschäftsidee, um sich eine selbstständige Existenz aufbauen zu können. So verfeinert die findige Hausfrau ihren Filter-Prototyp und lässt ihn beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin in die Gebrauchsmusterrolle eintragen. Keine drei Wochen später, am 8. Juli 1908, erhält Melitta Bentz das Patent für ihren "Kaffeefilter mit nach unten gewölbten, mit einem Abflussloch versehenen Boden und lose einliegendem Sieb". Noch im gleichen Jahr gründet das Ehepaar mit einem Startkapital von 72 Reichspfennig das ersehnte eigene Unternehmen. Firmensitz ist ein Zimmerchen in ihrer nicht gerade üppigen Dresdner Etagenwohnung. Aufträge werden in Haushaltswarengeschäften, Kaufhäusern sowie auf Messen akquiriert. Über mangelndes Interesse können sich die beiden Selfmade-Unternehmer nicht beklagen.

Während Hugo 1914 in den Weltkrieg zieht, führt Melitta den Betrieb allein weiter. In den 20er Jahren laufen die Geschäfte so gut, dass die Produktion in der kleinen Dresdner Wohnung aus allen Nähten platzt. Da kommt aus Minden ein lukratives Angebot. Das ostwestfälische Städtchen bietet eine ehemalige Schokoladenfabrik zum Kauf an und lockt mit Steuererlass. Die Bentz greifen zu und übersiedeln über Ostern 1929 mit dem kompletten Betrieb nach Minden. Dort ist die Melitta Unternehmensgruppe Bentz KG bis heute ansässig. Im Jubiläumsjahr 2008 erwirtschaftet die einst im Hinterzimmer gegründete Filter-Firma mit weltweit knapp 60 Filialen und 3.300 Mitarbeitern einen Umsatz von rund 1,2 Milliarden Euro. Die Filtertüte hat daran allerdings nur noch einen Anteil von etwa zwölf Prozent. Seit den 80er Jahren ist das Hauptprodukt von Melitta nicht mehr die Tüte, sondern der Kaffee selbst.

Klick
 
9. July 2008, 07:22   #191
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
09. Juli 1873: Das Münzgesetz tritt in Kraft

54 Jahre lang hat die harte Deutsche Mark neben Dollar, britischem Pfund und Schweizer Franken im Quartett der großen Weltwährungen mitgespielt. Sechs Jahre nach Einführung des Euro 2002 wird sie von vielen noch immer oder schon wieder schmerzlich vermisst. Die Mark ist untrennbar verbunden mit dem Gründungsmythos der jungen Bundesrepublik und deren Wirtschaftswunder. Ihre Geschichte reicht allerdings wesentlich weiter zurück als bis zu jenen 40 DM für jeden anlässlich der großen Währungsreform von 1948. Geboren wird die so vielen politischen Umwälzungen trotzende Währung bereits bei der Gründung des Deutschen Kaiserreiches von 1871 durch Wilhelm I. und Otto von Bismarck. Ein Reich, ein Kaiser, ein Kanzler, da liegt es nahe, endlich auch eine einheitliche Währung einzuführen. Denn bis zum Beginn des wilhelminischen Zeitalters herrscht in Deutschland noch das tiefste Münz-Mittelalter.

"Das deutsche Geldwesen ist in einem Zustand, der allem Verkehr den tiefesten Schaden bringt", schimpft 1870 der Reichstagsabgeordnete Ludwig Bamberger, Mitbegründer der Deutschen Reichsbank und späterer "Vater der Deutschen Mark". Treffen sich Händler aus verschiedenen deutschen Regionen, müssen sie bei ihren Geschäften noch immer mit Taler und Gulden, Kreuzer, Schilling, Heller, Batzen und Stüber hantieren. Da sei, klagt Bamberger "jeder Tag, jede Zahlung, jedes Geschäft eine Quelle von Unfrieden, von Bosheit, von Irrtum und Betrug". Mit der Industrialisierung und dem internationalen Warenaustausch wächst der volkswirtschaftliche Bedarf an einer stabilen Währung enorm. Nach langen Verhandlungen zwischen den norddeutschen Ländern, in denen der preußische Taler dominiert, und den Süddeutschen, die auf ihren vorherrschenden Gulden nicht verzichten wollen, einigt man sich auf eine völlig neue gemeinsame Währung.

Per Gesetz beschließt der Reichstag im Dezember 1871, eine Goldmünze prägen zu lassen. Deren zehnter Teil wird Mark genannt und weiter in 100 Pfennige unterteilt. Als Gewichtseinheit ist die Mark seit dem Mittelalter in Deutschland bestens bekannt. Das nötige Münzgold für diese Währungsreform kommt zum größten Teil vom ehemaligen Kriegsgegner Frankreich, und zwar in Form der pünktlich nach der verlorenen Schlacht von Sedan bezahlten Reparationen. Mit dem Münzgesetz vom 9. Juli 1873 wird dann die Münzstückelung festgelegt. Aus Gold geprägt sind die für den alltäglichen Bedarf unüblichen 20- und Zehn-Mark-Stücke. Gebrauchsmünzen aus Silber gibt es zu fünf, zwei und eine Mark, sowie 50 und 20 Pfennig. Geldstücke zu zehn und fünf Pfennig bestehen aus Nickel, aus Kupfer die zu zwei und einem Pfennig. Erst die nach dem verlorenen 1. Weltkrieg einsetzende Hyperinflation macht der Gold-Mark ein Ende. Als im November 1923 Banknoten mit Billionen-Werten und stündlichen Verfallsdaten gedruckt werden, ziehen Regierung und Reichsbank mit Einführung der Rentenmark die Notbremse. Wenige Monate später geht aus ihr die bis 1948 gültige Reichsmark hervor.

Klick
 
10. July 2008, 10:44   #192
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
10. Juli 1883: Friedrich Flick wird geboren

"Ich arbeite Tag und Nacht von morgens acht bis abends." Friedrich Flick präsentiert sich 1946 im Verhör für seinen Prozess in Nürnberg als fleißiger, gewissenhafter Unternehmer. Es geht um Arisierungen, Zwangsarbeit und Spenden an SS-Chef Heinrich Himmler. Die 100.000 Reichsmark pro Jahr an Himmler seien eine Art Lebensversicherung gewesen, sagt Flick. Er habe nicht anders gekonnt, als Zwangsarbeiter zu beschäftigen und von jüdischem Besitz zu profitieren. Flicks Angaben sind lückenhaft: "So genau habe ich das nicht mehr in Erinnerung."

Friedrich Flick wird am 10. Juli 1883 als Bauernsohn im siegerländischen Kreuztal geboren. Nach dem Gymnasium in Siegen geht "Flickens Fritz" nach Köln an die Handelshochschule. 1906 besteht er die Prüfung als Diplom-Kaufmann. Seine ersten Erfolge hat er mit Kohle und Eisen. Im Ersten Weltkrieg macht Flick aus Schrott ein Vermögen, nach dem Krieg leiht er sich Geld von den Banken und kauft damit Firmen. Ein guter Schachzug: Während der Weltwirtschaftskrise verliert das geliehene Geld wegen der hohen Inflation seinen Wert, Flicks Aktien hingegen nicht. In Finanzkreisen heißt Flick nun "der Geier". Ihn interessiert nur eins: das Geschäft. Politik ist für Flick nur Mittel zum Zweck. "Er ist erst dazu übergegangen, die Nazis zu unterstützen, als klar war, dass sie die politische Macht an sich reißen werden", sagt sein Biograph Thomas Ramge. Flick wird NSDAP-Mitglied und Wehrwirtschaftsführer. Er baut Flugzeuge und Bomben für Hermann Görings Luftwaffe. Er produziert auch Panzer und U-Boot-Teile, Eisen und Treibstoff. Mit 132 Gesellschaften und mindestens 40.000 Zwangsarbeitern. Flick wird der reichste Deutsche, er überflügelt sogar Gustav Krupp.

Flicks interner Nachrichtendienst findet rechtzeitig heraus, dass die Alliierten Deutschland aufteilen wollen. Daraufhin verlegt er die Konzernzentrale von Berlin nach Düsseldorf. Tatsächlich verliert er nach Kriegsende drei Viertel seines Besitzes. Alles, was im Osten liegt, wird enteignet. Bis zum Nürnberger Industriellen-Prozess kommt Flick in ein Internierungslager und muss Kartoffeln schälen. Er wird als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er fünf absitzen muss. Bereits aus der Haft heraus organisiert er den Neuanfang. Er verkauft seine verbliebenen Zechen im Ruhrgebiet und setzt auf neue Branchen. Mit Krauss-Maffei baut Flick Panzer für den Kalten Krieg, seine Dynamit AG in Troisdorf liefert die Munition. Feldmühle produziert Papier, Daimler-Benz Autos und Militärfahrzeuge. Flick hat sich fast 40 Prozent an Daimler gesichert. Er wird wieder zum reichsten Deutschen. Flick arbeitet zwölf Stunden am Tag, ist drei bis vier Tage pro Woche mit dem Schlafwagen auf Tour zu den Fabriken. Kein Alkohol, keine Hobbys, kein Luxus - seine Familie sieht ihn kaum. Für Flick zählen allein die Zahlen. So lange er lebt zahlt der Flick-Konzern keine Entschädigung an Zwangsarbeiter. Friedrich Flick stirbt am 20. Juli 1972 in Konstanz. Nachfolger im Konzern wird sein dritter Sohn Friedrich Karl, der später in die Flick-Affäre um Spendengelder verwickelt ist.

Klick
 
11. July 2008, 09:04   #193
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
11. Juli 1593: Todestag Giuseppe Arcimboldos

Zahnlos und grimmig, mit schrumpeligem Pilzmund und stacheligem Wurzelkinn: So stellt sich Giuseppe Arcimboldo den Winter vor. Und so malt er ihn auch, als Kaiser Ferdinand I. den Maler bittet, die Jahreszeiten auf Leinwand festzuhalten. Die grobe Haut ist aus der Rinde eines fast schon toten Baums gemacht, den ein Strohmantel notdürftig vor der Kälte schützt. Die Blätterhaare sind dem Winter fast alle ausgefallen. Nur eine Orange und eine Zitrone hauchen dem Winter noch etwas Leben ein: eine langsam verwelkende Erinnerung an Arcimboldos Heimat Italien, nach der sich der Maler im hohen Alter immer mehr zurücksehnt.

Arcimboldo wird 1527 in Mailand geboren. Hier ist sein Vater als Maler im Dom tätig, der Sohn hilft ihm bei der Ausgestaltung von Glasfenstern. Schon früh ist Arcimboldo für seine üppigen Bilder mit Blumensträußen, Blütengirlanden und Früchten bekannt. Weltberühmt aber wird er erst, als ihn Kaiser Ferdinand I. 1562 an seinen Hof nach Prag holt. Hier setzt Arcimboldo ein Jahr später erstmals Gurken, Kürbisse, Ähren und Trauben kunstvoll zu Gesichtern zusammen. Auf Feldern und in Wäldern rund um Prag ist der Maler von nun an ständig auf der Suche nach Pflanzen, Obst und Gemüse, die er im Atelier als Ohren, Nasen und Münder verwenden kann. Wie Arcimboldo auf diesen Einfall kommt, ist unbekannt. Ein Vorbild für diese Art zu malen gibt es nicht.

Drei Kaisern dient Arcimboldo in Prag. Schon bald muss er nicht nur Bilder malen, sondern auch Spiele, Bühnenbilder oder Masken für die zahlreichen Feste, Hochzeits- und Krönungsfeiern oder Ritterturniere am Prager Hof erfinden, die dem Volk die Macht und den Reichtum des Kaiserhauses zeigen sollen. Mal lässt er Pferde als Drachen verkleidet durch die Straßen reiten, mal besorgt er einen echten Elefanten für einen prunkvollen Festumzug. 1587 darf Arcimboldo nach langem Bitten nach Italien zurückkehren - unter der Bedingung, dass er auch weiterhin für den Kaiser tätig ist. Er stirbt am 11. Juli 1593 in seiner Geburtsstadt Mailand.

Klick
 
12. July 2008, 16:46   #194
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
12. Juli 1948: Letzte deutsche Kriegsgefangene aus England

Elf Millionen deutsche Soldaten geraten während des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft. Bei Kriegsende sind manche schon Jahre inhaftiert, weit weg in Lagern in den USA, in Kanada, in Ägypten oder der Sowjetunion. Andere werden erst im Mai 1945 gefangen genommen und in provisorischen Massenlagern untergebracht, beispielsweise entlang des Rheins zwischen Büderich und Mainz. Die Versorgungslage und hygienischen Zustände in den sogenannten Rheinwiesen-Lagern sind prekär. Dafür kommen die Gefangenen dort relativ schnell wieder frei. Die Genfer Konvention zum Schutz der Kriegsgefangenen von 1929 schreibt vor, dass Inhaftierte spätestens nach Friedensschluss freizulassen sind. Da es aber nach Kriegsende zu keinem Friedensvertrag kommt, ist das Schicksal der deutschen Soldaten zunächst ungeklärt. Als erste entlassen die USA deutsche Gefangene. Die Mehrheit kommt bis Mitte 1946 frei.

Länger dauert die Gefangenschaft für Wehrmachtsangehörige in britischer Hand. Sie werden im Bergbau und in der Landwirtschaft eingesetzt, da in Großbritannien ein großer Mangel an Arbeitskräften herrscht. 1948 sind noch fast 100.000 ehemalige Wehrmachtssoldaten in England inhaftiert. Zwar ist die Versorgungslage in den Kriegsgefangenenlagern in den USA deutlich besser als in England. Aber dennoch sprechen die Heimkehrer mit Hochachtung über ihren sogenannten Gewahrsamsstaat Großbritannien. Der Grund: Sie haben die "Re-education", die Umerziehung, positiver erlebt als Rückkehrer aus US-Lagern. Dort gibt es einwöchige Schnellkurse in Demokratie, mit einem Film oder Vortrag pro Tag. Die Briten sind gründlicher. "Da ging es weniger um Indoktrination oder Umerziehung im engeren Sinn, sondern um Bereithalten von Informationen, das Vermitteln einer demokratischen Grundhaltung", sagt Historikerin Renate Held. Es gibt Sprachkurse, Vorlesungen wie an einer Universität, berufliche Bildung, dazu Sport, Unterhaltung und ein Kulturprogramm. Das Lager darf allerdings nur in Ausnahmefällen verlassen werden, unter Bewachung und in Häftlingskleidung.

Im April 1947 einigen sich die Siegermächte darauf, alle Kriegsgefangenen bis 1948 nach Hause zu entlassen. Am 12. Juli 1948 verlassen die letzten deutschen Kriegsgefangenen die britische Inseln. Auch Frankreich lässt in diesem Jahr seine Internierten frei. Die Sowjetunion hingegen stellt sich auf den Standpunkt, dass kein Repatriierungsplan zustande gekommen und damit auch keine Rückführungsverpflichtung entstanden sei. Auf internationalen Druck erklärt sich die UdSSR dann doch bereit, bis Ende 1949 ihre Kriegsgefangenen zu entlassen. Tatsächlich kehren in diesem Jahr noch einmal rund 400.000 Deutsche aus dem Osten heim. Mehrere Zehntausend bleiben aber als zu langjährigen Haftstrafen verurteilte Kriegsverbrecher zurück. Sie kommen erst 1955 frei.

Klick
 
14. July 2008, 09:40   #195
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
13. Juli 1973: Tod des Kino-Idols Willy Fritsch

Als in den Zeitungen die Nachrufe auf Willy Fritsch erscheinen, ist es schon lange still um ihn gewesen. Dabei hat er 45 Jahre lang vor der Kamera gestanden und rund 100 Filme gedreht, meist mit ihm in der männlichen Hauptrolle. In den 20er und 30er Jahren genießt Fritsch den Ruf als umschwärmtester Leinwandliebhaber Deutschlands. Einige der größten Erfolge der goldenen Ufa-Zeit sind mit seinem Namen verbunden. Ob in Uniform, Frack oder Blaumann, der schöne Willy macht immer eine gute Figur, versprüht in jeder Umgebung auf ansteckende Weise Charme und gute Laune. Keiner tanzt so wunderbar Walzer wie dieser Herzensbrecher mit dem gewinnenden Lachen. Und seine Lieder wie "Ich wollt, ich wär ein Huhn" werden zu Gassenhauern. Einen Sonnyboy wie Willy Fritsch hat das deutsche Kino nicht noch einmal hervorgebracht.

Das Sonntagskind der Babelsberger Traumfabrik wird am 27. Januar 1901 in Kattowitz als Sohn eines Maschinen-Fabrikanten geboren. Nach einer Pleite des Vaters übersiedelt die Familie nach Berlin, wo Willy eine Mechanikerlehre bei Siemens beginnt. Als der Regisseur Max Reinhardt Statisten sucht, bewirbt sich der 19-Jährige und wird angenommen. Doch die Bühne ist nicht sein Metier; im Scheinwerferlicht der Stummfilmateliers kommt er besser zu Geltung. Ufa-Produzent Erich Pommer nimmt Fritsch unter seine Fittiche und baut "diese elegante Mischung aus Gardeleutnant und Poussierstengel" zum größten Backfisch-Idol seiner Zeit auf. Die graue Wirklichkeit der Weltwirtschaftskrise übertüncht die Ufa mit einem neuen Film-Genre: der Tonfilm-Operette. Willy Fritsch ist dafür wie geschaffen. In der zuckersüßen Lilian Harvey findet der unbekümmerte Charmebolzen die perfekte Partnerin. Zwölf Filme drehen beide zusammen, darunter Kassenschlager und Evergreens wie "Die Drei von der Tankstelle" oder "Der Kongress tanzt".

Das Traumpaar hat auch privat eine kurze Affäre, doch 1937 heiratet Fritsch mit der Tänzerin Dinah Grace die Liebe seines Lebens. Aus Bequemlichkeit tritt der leichtlebige und völlig unpolitische Star in die NSDAP ein. Während des gesamten Dritten Reichs dreht Willy Fritsch Film auf Film und kassiert Höchstgagen. Sein letzter Ufa-Film "Junge Adler" bleibt aber sein einziger Propaganda-Streifen. In der Nachkriegszeit findet Fritsch schnell auf die Leinwand zurück, nun als graumelierter Herr, soignierter Mann von Welt und warmherziger väterlicher Freund. Mit noblem Charme und natürlicher Würde veredelt er selbst harmlose Heimatfilmchen. Ein einziges Mal nur steht Fritsch mit seinem ebenfalls schauspielenden Sohn Thomas gemeinsam vor der Kamera, 1963 in "Das hab ich von Papa gelernt". Als im gleichen Jahr seine Frau Dinah stirbt, zieht sich Willy Fritsch aus der Öffentlichkeit zurück und versinkt in Depressionen. Am 13. Juli 1973 stirbt er in einem Hamburger Krankenhaus an Herzversagen.

Klick
 
14. July 2008, 09:50   #196
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
14. Juli 1998: Richard McDonald stirbt in Manchester

Richard ("Dick") McDonald und sein Bruder Maurice ("Mac") eröffnen 1940 im kalifornischen San Bernardino ein Restaurant. Es liegt verkehrsgünstig nahe der Autobahn 215. Hungrigen Truckern und anderen Automobilisten bieten die Brüder Hot Dogs und Spare Rips an. Acht Jahre später stellen sie um: auf Selbstbedienung und Fleischfrikadellen zwischen zwei Brötchenhälften. Das Schnellrestaurant wird ein Erfolg für die Söhne irischer Einwanderer. Richard, der jüngere der beiden Brüder, wird 1909 im US-Bundesstaat New Hampshire an der Ostküste geboren. Dort arbeitet er in einer Schuhfabrik. Ende der 20er Jahre gehen die Brüder an die Westküste, wo sie zunächst als Kulissenschieber in Hollywood und als Kinobetreiber tätig sind, bevor sie Gastronomen werden.

Während "Mac" vorwiegend für den Restaurantbetrieb zuständig ist, kümmert sich "Dick" ums Marketing: Er entwirft das Firmensymbol mit den beiden gelben Rundbögen. 1954 lernen die Brüder Ray Kroc kennen, einen Handelsvertreter, bei dem sie acht Milchshake-Geräte bestellen: Die Restaurant-Gründer haben bereits acht Niederlassungen gegründet. Kroc erkennt das Potenzial der McDonald's-Idee. Er erwirbt 1955 die Lizenz, ähnliche Restaurants wie die der Mc-Donald's-Brüder in anderen Städten zu betreiben. Kroc feilt am Einheitslook der Läden, an der Logistik und den Produkten. Richard und Maurice haben daran kein Interesse, ziehen sich allmählich zurück und verkaufen 1961 Kroc auch die Rechte für den weltweiten Vertrieb von McDonald's. Er baut er ein Burger-Imperium mit mehr als 31.000 Restaurants in weit über 100 Ländern auf. 1971 eröffnet in München das erste deutsche McDonald's. Mittlerweile gibt es in der Bundesrepublik knapp 1.300 dieser Restaurants.

Richard McDonald tritt kurz vor seinem Tod am 14. Juli 1998 in Manchester im US-Staat New Hampshire noch einmal in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Er kritisiert in einem Buch, wie unausgewogen seine und Ray Krocs Verdienste am Firmenerfolg dargestellt werden. In der offiziellen Firmenhistorie gilt Kroc bis heute als Lichtgestalt der Fastfood-Idee. Für "Dick" wie für seinen Bruder "Mac", der bereits 1971 verstorben ist, bleibt nur die Rolle der Namensgeber.

Klick
 
15. July 2008, 07:23   #197
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
15. Juli 1968: Warschauer Pakt warnt Tschechoslowakei

Karlovy Vary (Karlsbad), Sommer 1968: DDR-Staatschef Walter Ulbricht wird von Alexander Dubček empfangen, dem seit Januar amtierenden Chef der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Dubček hat Reformen eingeleitet, die Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie bringen sollen. Er will dem Sozialismus ein "menschliches Antlitz" geben. Ulbricht hingegen sieht dadurch die Errungenschaften des Sozialismus bedroht und fürchtet, dass Dubčeks Ideen Ansprüche bei der DDR-Bevölkerung wecken könnten. Nach dem Treffen am 12. August 1968 gibt es eine Pressekonferenz. Die Ausschnitte, die im DDR-Fernsehen zu sehen sind, lassen Dubček wie einen Statisten bei Ulbrichts Auftritt aussehen. Er darf ein paar Worte sagen: Die tschechoslowakische KP werde "alles unternehmen, für die Festigung der Beziehungen zwischen unseren sozialistischen Ländern, unserer marxistisch-leninistischen Parteien und werktätigen Völkern." Die gespannte Situation scheint sich beruhigt zu haben. Doch dieser Eindruck täuscht.

Bereits am 27. Juni 1968 haben in der Tschechoslowakei Intellektuelle und Künstler das "Manifest der 2000 Worte" veröffentlicht. Eine weitere Demokratisierung könne nur außerhalb der kommunistischen Partei erfolgen, heißt es darin. In Moskau bringt das Manifest das Fass zum Überlaufen. Noch in der Nacht telefoniert Leonid Breschnew, der Generalsekretär der KPdSU, mit Dubček und fordert von ihm ein sofortiges Eingreifen gegen die Konterrevolution. Doch Dubček gehorcht nicht. Daraufhin wird am 15. Juli 1968 ein Brief veröffentlicht, verfasst von den Zentralkomitees der Staatsparteien der Sowjetunion, Bulgariens, Ungarns, Polens und der DDR. Der Warschauer Pakt warnt vor der "Gefahr der Lostrennung der Tschechoslowakei von der sozialistischen Gemeinschaft": "Nach unserer Überzeugung ist eine Situation entstanden, in welcher die Bedrohung der Grundlagen des Sozialismus in der Tschechoslowakei die gemeinsamen Lebensinteressen der übrigen sozialistischen Länder gefährdet ist."

Tschechen und Slowaken machen sich Sorgen. Zwölf Jahre zuvor wurde der Ungarn-Aufstand blutig niedergeschlagen. Dubček beruhigt die Bevölkerung im August 1968: "Gestern sind wir von den neuen Unterredungen der Repräsentanten des ZK der KPdSU heimgekehrt." Dort sei ihm Unterstützung zugesagt worden. Doch es kommt anders. Truppen aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien marschieren in der Nacht zum 21. August 1968 in die Tschechoslowakei ein. Der "Prager Frühling", wie die Reformbestrebungen später genannt werden, ist zu Ende. Rund 100 Menschen werden getötet. Dubček bleibt noch ein Jahr lang Vorsitzender der Nationalversammlung. 1970 wird er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und verdient sein Geld als Waldarbeiter.

Klick
 
16. July 2008, 16:50   #198
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
16. Juli 2003: Todestag des Gynäkologen Kurt Semm

Kurt Semms Lehrer ist gnadenlos. Auf der Operationsbank öffnet der Gynäkologe den Frauen, die aus irgendwelchen Gründen unfruchtbar sind, mit langem Schnitt die Bauchdecke. Er sieht hinein - und näht sie wieder zu, wenn nichts zu machen ist. Dem jungen Assistenzarzt Semm tun diese Frauen Leid: "Jetzt waren sie auch noch verstümmelt, ohne dass sie den Kinderwunsch erfüllt haben konnten."

Semm beschließt, das Leid der Frauen zu lindern. 1927 als Sohn eines Ingenieurs in München geboren, ändert der gelernte Werkzeugmacher in den sechziger Jahren die Methode. Statt des Skalpells setzt er für die Beobachtung der inneren Organe auf kleine optische Instrumente (Endoskope), die durch einen minimalen Schnitt in den durch CO2-Gas geweiteten Bauchraum gelassen werden: Die Bauchspiegelung ist geboren. Später stellt sich Semm die Frage, warum der Chirurg nicht auf die gleiche Art und Weise - gleichsam durchs Schlüsselloch kleiner Schnitte - operieren könne. Er beginnt, die klassischen Instrumente der Chirurgie: Schere, Nadelhalter, Messer so zu verändern, dass sie minimal-invasiv an die Operationsstelle gebracht werden können. So entwickelt Semm die minimal-invasive Chirurgie in den achtziger Jahren quasi im Alleingang.

Von den Kollegen wird Semms Idee einer minimal-invasiven Chirurgie lange Zeit angefeindet. Chirurgen fordern beim Gynäkologenverband gar ein Berufsverbot für den Gynäkologen, der seit 1970 eine Kieler Frauenklinik leitet. Semm macht trotzdem unermüdlich weiter. 1980 entfernt er, in der Fachwelt heftig umstritten, erstmals endoskopisch einen Blinddarm, später folgen Eierstockzysten und komplette Gebärmütter. 1983 entwickelt Semm ein tragbares Schulungsgerät, um seine Methode populär zu machen. "Das kann sich der Arzt zu Hause hinstellen und sich ein halbes Brathuhn kaufen", sagt Semm. "An dem kann er dann alle Operationsschritte, Schnitte, Nähen, Amputation vorführen und sich somit voll ausbilden." Kurt Semm stirbt am 16. Juli 2003 in Tucson, Arizona. Heute werden unter anderem Nieren- und Gallensteine, Herzkranzgefäße und Gelenke endoskopisch operiert.

Klick
 
18. July 2008, 07:34   #199
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
17. Juli 1968: Beatles-Film "Yellow Submarine" uraufgeführt

Schon zwei erfolgreiche Filme haben die Beatles herausgebracht: "A hard day's night" und "Yeah, Yeah, Yeah" (der in Deutschland "Help" heißt). Aber diesmal sind die vier Musiker nicht überzeugt: Schließlich wissen sie, dass sie selbst das Erfolgsgeheimnis ihrer Filme sind - und nun soll es einen Beatles-Streifen ohne die Fab Four geben. Jedenfalls fast: "Yellow Submarine" ist ein Zeichentrickfilm, in dem die Stars leibhaftig nur am Schluss kurz auftreten.

Für komplexe Handlungen haben Beatles-Filme nie gestanden, aber dieses neue Projekt fällt auffallend schlicht aus: "Yellow Submarine" erzählt ein harmloses Flower-Power-Märchen: Im Pepperland sind die fröhlichen, friedlichen Hippie-Bewohner bedroht, weil die militaristischen und schlecht gelaunten Blaumiesen (im Original: "bluemeanies") sie vernichten wollen. Die wehrlosen Pepperländer rufen die Beatles aus Liverpool zur Hilfe. Die werden per gelbem Unterseeboot nach Pepperland geholt. Und die Moral von der Geschichte: Gegen die Blaumiesen dieser Welt hilft nur Musik!

Der Produzent von "Yellow Submarine" holt sich ebenfalls Hilfe aus dem Ausland: Als Zeichner engagiert er den damaligen Grafiker des WDR, Heinz Edelmann. So wird der zum Designer des ersten abendfüllenden Zeichentrickfilms, der nicht für Kinder gemacht ist. Gegen den süßlichen Stil von Walt Disney, der den Zeichentrick beherrscht, setzt er bunte flächige Bilder nach Psychedelic-Art. So fahren die Beatles in ihrem "Yellow Submarine" zwischen Fischen mit Armen, Teetassen mit Beinen, fliegenden Handschuhen und lachenden Walherden umher und verkünden: "We all live in a Yellow Submarine." Ihre anfängliche Skepsis bestätigt sich nicht: Ihr dritter Film, am 17. Juli 1968 in London uraufgeführt, wird ihr erfolgreichster. Allerdings auch ihr letzter.

Klick
 
18. July 2008, 07:38   #200
Jules
 
Benutzerbild von Jules
 
Registriert seit: September 2002
Ort: Nähe Düsseldorf
Beiträge: 2.352
18. Juli 1918: Geburtstag von Nelson Mandela

Sie haben den alten Mann aus Südafrika noch nie gesehen und kennen nur ein einziges Foto von ihm. Trotzdem strömen im Juni 1988 anlässlich seines 70. Geburtstags über 70.000 meist junge Menschen ins Londoner Wembley Stadion. "Free Nelson Mandela" lautet die Parole, die sie zusammen mit einer Hundertschaft der größten Pop- und Filmstars den rund 600 Millionen Fernsehzuschauern weltweit zurufen. Denn der Jubilar fehlt bei der Veranstaltung. Seit 26 Jahren sitzt der schwarze südafrikanische Freiheitskämpfer Nelson Mandela in den Gefängnissen des Apartheidsregimes. Und doch fürchten die weißen Herrscher am Kap keinen Gegner mehr als diesen inzwischen weißhäuptigen Kämpfer gegen die Rassentrennung. Zu Recht. Sechs Jahre nach dem Konzert in London wird der ehemalige Staatsfeind Nr. 1 zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt.

Der Mann, der das menschenverachtende Buren-Regime kraft seiner Persönlichkeit in die Knie zwingt, wird am 18. Juli 1918 ins Königshaus des Xhosa-Volkes hineingeboren. Sein Vater gibt ihm den Vornamen Rolihlahla, was "Unruhestifter" bedeutet. Eine Lehrerin tauft den überaus intelligenten Jungen in Nelson um. In die Zeit von Mandelas Geburt fällt die Gründung des African National Congress (ANC), der den Klagen der afrikanischen Menschen in Europa Gehör verschaffen will. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt der Aufstieg des politisch aktiven Jurastudenten Nelson Mandela zur charismatischen Führungsgestalt des ANC. 1952 eröffnet er in Johannesburg als erster Schwarzer eine Rechtsanwaltskanzlei. "Ich weiß nicht, wann ich mein Leben völlig dem Freiheitskampf verschrieb", verrät Mandela in seiner Autobiografie, "es war eine Anhäufung von tausend Kränkungen, die die Wut in mir erzeugte."

Weil die Burenregierung immer brutaler gegenüber der schwarzen Bevölkerung auftritt, muss auch der ANC unter Leitung des von Mahatma Gandhi beeinflussten Mandela den Freiheitskampf radikalisieren. Nach etlichen Verhaftungen und kürzeren Gefängnisstrafen macht die Regierung im Herbst 1963 der gesamten ANC-Führung den Prozess. Als Hauptverantwortlicher für mehr als 150 Sabotageakte wird Nelson Mandela im April 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt. Die ersten 18 Jahre verbüßt er auf der berüchtigten Sträflingsinsel Robben Island, dann weitere neun Jahre im Hochsicherheitsgefängnis von Kapstadt. 1989 muss Südafrikas Präsident Frederik Willem de Klerk auf massiven Druck der Weltöffentlichkeit mit seinem inhaftierten Gegner Verhandlungen über die Zukunft Südafrikas aufnehmen. Erst gegen die Zusage de Klerks, die Demokratie einzuführen, willigt Mandela in seine eigene Freilassung ein. Am 11. Februar 1990 verlässt der 70-Jährige das Gefängnis als hoch verehrtes und unumstrittenes Symbol für ein neues Südafrika. Nahezu ohne Blutvergießen vollzieht sich unter Mandelas Führung die Umwandlung des weißen Unrechtsregimes in einen Verfassungsstaat, der alle Rassengruppen gleichermaßen vertritt. Nach fünf Jahren als erster frei gewählter Präsident genießt Nelson Mandela an seinem 90. Geburtstag weltweit Respekt und Verehrung wie kein anderer lebender Staatsmann.

Klick
 
Antwort

  Skats > Interessant & Kontrovers > Das Leben

Themen-Optionen



Alle Zeitangaben in WEZ +1. Es ist jetzt 19:15 Uhr.


Powered by vBulletin, Copyright ©2000 - 2018, Jelsoft Enterprises Ltd.
Online seit 23.1.2001 um 14:23 Uhr

Die hier aufgeführten Warenzeichen und Markennamen sind Eigentum des jeweiligen Herstellers.