Skats

Datenschutzerklärung Letzten 7 Tage (Beiträge) Stichworte Fussball Tippspiel Sakniff Impressum
Zurück   Skats > Interessant & Kontrovers > Der Spiegel der Welt
Registrieren Hilfe Benutzerliste Kalender


 
 
2. September 2002, 07:48   #1
tw_24
 
Benutzerbild von tw_24
 
Registriert seit: May 2002
Beiträge: 1.018
"Geborgtes Feindbild"? - Wie kam der Antisemitismus unter die Araber?

"Geborgtes Feindbild"?

Wie kam der Antisemitismus unter die Araber? Per Export aus Europa? Durch Lektüre des Koran? Eine neue Studie gibt auskunft.

von Thomas von der Osten-Sacken/Thomas Uwer

Die Stimmung innerhalb der amerikanischen Juden sei, schrieb Leon Wieseltier in New Republic, geprägt von "Panik". Amerikanische Kommentatoren warnen vor einer "Endlösung Phase 2" und Vertreter jüdischer Organisationen in den USA fürchten "einer Bedrohung gegenüberzustehen, die genauso groß, wenn nicht größer ist als die Bedrohung der europäischen Juden in den dreißiger Jahren".

Von Monat zu Monat erneuern die jüdischen Organisationen ihre Sammlungen antisemitischer Äußerungen aus der arabischen und islamischen Presse. Sie wollen zeigen, daß der nationale Kampf für einen palästinensischen Staat zunehmend verdrängt wird von einem Antisemitismus, der in den Israelis vorrangig die Juden bekämpft. Bislang waren alle Untersuchungen davon ausgegangen, daß der arabische Antisemitismus kein genuin nahöstlicher sei, sondern ein von den Eliten aus Europa "importiertes" Phänomen, dessen Verankerung im Bewußtsein der Massen Geschichte und Tradition der nahöstlichen Gesellschaften entgegenstünden.

Robert Wistrich, Autor des Buches Der antisemitische Wahn, hat im auftrag des American Jewish Committee nunmehr eine neue Studie über den arabischen und islamischen Antisemitismus vorgelegt: "Muslim Anti-Semitism - A Clear and Present Danger". Angesichts des enormen Zuwachses antisemitischer Schriften und Äußerungen in allen Bereichen des politischen Lebens in den arabischen Staaten, fragt Wistrich nicht mehr ob, sondern wie sich der Antisemitismus im Massenbewußtsein verankern konnte.

Implizit ist die Studie auch eine Kritik an Bernward Lewis, der seit Jahrzehnten die Genese und Wirkung antisemitischer und antizionistischer Propaganda im Nahen Osten erforscht, und in seinem Buch Treibt sie ins Meer den arabischen Antisemitismus als einen "Import" aus Europa zu fassen versuchte. Dem hält nun Wistrich entgegen, die vergangenen Jahre hätten deutlich gezeigt, "daß der antisemitische Virus sich tief und in bisher unbekanntem Ausmaß in den politischen Körper des Islam eingefressen hat".

Der Wandel in ein geschlossenes "genozidales" Wahngebilde, das in Anlehnung an die Nazis die Vernichtung der Juden fordere - und keineswegs "nur" taktisches Instrument im Kampf gegen Israel sei -, hat sich nach Wistrich längst vollzogen. Nicht mehr sei lediglich Israel das Ziel von Vernichtungswünschen, sondern der Haß schließe jetzt vermehrt Juden in der Diaspora ein und ziele vor allem auch auf die USA. Der Antisemitismus habe sich damit von seinem früheren Objekt Israel insofern emanzipiert, als er sich jetzt verstärkt gegen den "großen jüdisch-zionistischen Mastermind" richtet, welcher, wie die jordanische Zeitung al-Dustour erklärte, "die Weltwirtschaft, die Medien und die Politik kontrolliert". Der Ausbruch der sogenannten Al-Aksa-Intifada und der 11. September haben eine Entwicklung lediglich verstärkt, die sich bereits in den gesamten neunziger Jahren durch die stetige Zunahme antisemitischer Schriften in allen Ländern der arabischen Welt abzeichnete. Die Vollendung dieser Entwicklung belegt Wistrich mit Zitaten wie jenem des Mufti von Jerusalem, der nach den Anschlägen vom 11. September öffentlich erklärte: "O Allah, zerstöre Amerika, weil es von zionistischen Juden beherrscht ist."

Wistrich beschränkt sich nicht auf die üblichen Verdächtigen, sondern führt vor allem auch unzählige Belege aus Staaten wie Ägypten und Jordanien an, Ländern, die Friedensabkommen mit Israel geschlossen haben und gemeinhin als moderat gelten. Dabei wird offensichtlich, daß sich Islamisten und arabische Nationalisten in ihren Ausführungen nicht grundlegend unterscheiden. Der irakische Präsident Saddam Hussein drohte vergangenes Jahr ebenso mit der Auslöschung des "zionistischen Krebsgeschwürs", das einem "Aids-Virus gleicht", wie die iranischen Mullahs, die davon schwärmen, daß nur eine Atombombe reiche, das zionistische Gebilde auszulöschen.

Täglich rufen geistliche wie säkulare Führer in den verschiedensten nahöstlichen Radio- und Fernsehstationen zur Zerstörung und Vernichtung Israels und der USA auf. Angesichts unzähliger Lobpreisungen von Selbstmordattentätern und Verwünschungen der Juden und Zionisten, die für alle Übel ökonomischer, moralischer, sexueller und politischer Art haftbar gemacht werden, kommt Wistrich zu dem Schluß: "Antisemitische Verschwörungstheorien bilden das Herzstück der muslimisch-fundamentalistischen und arabisch-nationalistischen Weltanschauung, die plutokratische Finanziers, das internationale Freimaurertum, Säkularismus, Zionismus und Kommunismus als dunkle, okkulte Kräfte bezeichnet, die von der Krake des Weltjudentums angeführt werden und deren erklärtes Ziel es ist, den Islam und die kulturelle Identität der Gläubigen zu zerstören."

Während Wistrich detailreich nachweist, wie wenig sich der Antisemitismus arabischer Nationalisten von jenem islamistischer Gruppen unterscheidet, betzeichnet er das Phänomen dennoch ausschließlich als islamischen Antisemitismus. So richtig es ist, daß auch im Koran explizit antijüdische Stellen zu finden sind, erfahren diese vor allem durch gezielte Neuinterpretationen, die die Juden ins Zentrum islamischer Weltanschauung stellen, ihre aktuelle Bedeutung.

Wer den arabischen Antisemitismus auf einen genuin islamischen zurückführt, dem gerät leicht aus dem Blick, daß sich dieser zwar zuallererst gegen Juden, Israel und Amerika richtet, zugleich aber auch gegen alle emanzipatorischen, liberalen oder linken Strömungen in den arabischen Gesellschaften, die als Verbündete oder Agenten des Zionismus beziehungsweise Imperialismus gelten. Bereits die gänzlich unislamische Abu-Nidal-Gruppe der achtziger Jahre hatte die Morde in den "eigenen Reihen" mit dem bekannten antisemitischen Imperativ erklärt, es habe sich bei den Liquidationen um "nichtjüdische Zionisten" gehandelt.

So droht vor allem in Europa auf der Suche nach den religiös-kulturellen Konstanten des arabischen Antisemitismus dessen aktuelle Wirkungsmächtigkeit entweder hinter dem Studium von Koransuren oder aber - im vermeintlich antirassistischen Umkehrschluß - hinter der Behauptung zu verschwinden, der Antisemitismus sei als kolonialer Import den arabischen Gesellschaften rein äußerlich geblieben und habe sich nicht längst in Staaten verfestigt, in denen vor allem auch die eigene Bevölkerung zu leiden hat. Wie weit diese Auseinandersetzung sich mitunter von der nahöstlichen Realität entfernt, zeigte beispielhaft ein "Teil der Interim-Redaktion", die kürzlich erklärte: "Der Antisemitismus arabischer Gesellschaften" sei "ein aus Europa geborgtes Feindbild, das sich bisher noch nicht mit strukturellen Dimensionen der Dominanz verbunden hat".

(Quelle: konkret 08/2002, S. 29)

Jetzt reicht's

Leserbrief von Birgit Stromann, Berlin

Es reicht! Die zynische Intelligenz läßt sich wohl jetzt vom israelischen Geheimdienst bezahlen! Ich bestelle hiermit mein Abo ab!

(Quelle: konkret 08/2002, S. 6)

MfG
tw_24
 
4. September 2002, 01:48   #2
quentin
 
Registriert seit: April 2002
Beiträge: 1.693
wenn ich mir so die Beweisführer ansehe, fällt mir auf, dass das alles jüdische Organisationen sind.
Die als neutral zu bezeichnen, kann ich nicht nachvollziehen. Das wäre das Gleiche, als wenn ich Schönhuber als Zeuge von Nazi - Verbrechen benennen würde.
Gestern wurden wieder 11 Palästinenser, darunter 4 Hamas - Führer im Alter von 9 bis 11 liquidiert.
Um das so frechweg vor den Augen der Öffentlichkeit machen zu können, muss man schon einen gewaltigen Einfluss auf die Medien haben.
Gegen Sharon und seine Mordbande war Pinochet und seine Militärjunta ein demokratisches System. Nun ja, er hatte die Presse nicht komplett im Sack.
Birgit Stromann hat wohl richtig gehandelt und mit ihrer Beurteilung recht. Früher war konkret ein linkes Studentenblatt, das hat sich aber radikal zu einer extrem rechtsradikalen israelischen Position eines eretz Israel geändert.
mfg
 
4. September 2002, 09:01   #3
tw_24
 
Benutzerbild von tw_24
 
Registriert seit: May 2002
Beiträge: 1.018
Zitat:
Zitat von quentin
Birgit Stromann hat wohl richtig gehandelt und mit ihrer Beurteilung recht.
Hehe, wenigstens einer, der diesen Beitrag gelesen hat, den ich auch noch selbst abgetippt habe ;-).

In der gleichen Ausgabe von konkret ist übrigens auch eine Anzeige der israelischen Botschaft zu finden ...

MfG
tw_24
 
Antwort

  Skats > Interessant & Kontrovers > Der Spiegel der Welt

Stichworte
araber, antisemitismus




Alle Zeitangaben in WEZ +1. Es ist jetzt 00:21 Uhr.


Powered by vBulletin, Copyright ©2000 - 2024, Jelsoft Enterprises Ltd.
Online seit 23.1.2001 um 14:23 Uhr

Die hier aufgeführten Warenzeichen und Markennamen sind Eigentum des jeweiligen Herstellers.