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10. April 2008, 12:44   #101
Jules
 
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10. April 1548: Giordano Bruno wird in Nola geboren

Mit 14 Jahren studiert er an der Universität Neapel, mit 17 tritt er dort in ein Dominikanerkloster ein, mit 24 wird er zum Priester geweiht: Giordano Bruno ist ein Hochbegabter. Seiner kirchlichen Karriere steht nichts im Wege - außer der eigene Kopf. Der hegt schon mit 18 Jahren Zweifel an der kirchlichen Lehre von der Dreifaltigkeit. Giordano füttert diesen Querkopf mit antiker Philosophie und Dichtung, aber auch mit der neuen Naturwissenschaft des Kopernikus. Verbotene Bücher versteckt er auf der Toilette des Klosters. Als das auffliegt, haben seine Brüder schon 130 Anklagepunkte gegen ihn gesammelt. Giordano Bruno zieht die Kutte aus und flieht.

Von nun an ist Giordano Bruno ein Gelehrter auf der Flucht. In Genf erfährt er, dass die Calvinisten nicht weniger intolerant sind als die katholische Kirche. In Paris ernennt ihn König Heinrich III. zum Professor, aber Bruno flieht weiter nach England, wo er einige Jahre lang unbehelligt seine Schriften zur Philosophie und Naturwissenschaft veröffentlichen kann. Aber mit ihnen macht er sich auch hier Feinde. Nicht nur, dass Bruno die Unendlichkeit des Kosmos lehrt: Das All sei ein belebtes Ganzes, eine Welt aus unzähligen Welten und im Grunde Gott selbst. Bruno kleidet diese unerhörten Thesen auch in einen Stil voll Satire, Spott und Provokation gegen die Gelehrtenwelt. Er sieht sie voll von Pedanterie, Kleingeisterei und Engstirnigkeit. Sich selbst nennt er stolz "den Nolaner", nach der kleinen Stadt bei Neapel, in der im Jahr 1548 geboren wurde.

Als auch in England der Druck zu groß wird, verlässt er 1585 London, geht zunächst nach Paris, dann nach Marburg, Wittenberg, Prag, Helmstedt und Frankfurt. Als ihn 1591 der Venezianer Giovanni Mocenigo in seinen Palazzo nach Venedig einlädt, kann Bruno dem Ruf in seine italienische Heimat nicht wiederstehen. Es ist eine Falle: Mocenigo verrät ihn an die Inquisition. Giordano Bruno wird zunächst im Gefängnis des Dogenpalastes inhaftiert, dann nach Rom ausgeliefert. Sieben Jahre lang sitzt er im Verließ der päpstlichen Engelsburg, wird verhört und gefoltert. Bruno widerruft nichts. Im Jahr 1600 wird er auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

An der Stelle seiner Hinrichtung auf dem Campo de Fiori wird 1887 ein Denkmal des Philosophen errichtet. Es zeigt ihn in der Mönchskutte. Die päpstliche Kommission stellt im Jahr 2000 fest, die Hinrichtung Brunos sei Unrecht gewesen. Seine Lehre jedoch bleibe für die Kirche unannehmbar.

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11. April 2008, 07:26   #102
Jules
 
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11. April 1998: Krimiautor Francis Durbridge stirbt in London

Im Januar 1962 bleibt ganz Deutschland zu Hause. Rund 20 Millionen Menschen sitzen vor dem Fernseher. "Kein Mensch war mehr auf der Straße, nur noch ein paar entlaufene Hunde und Katzen", erinnert sich der damals 27-jährige Norbert Blüm. "Und jeder fieberte mit: Wer war der Mörder?". Der Mörder ist der Schauspieler Dieter Borsche. Er gehört zum Personal der TV-Serie "Das Halstuch" nach einem Buch von Francis Durbridge. Entlarvt wird er allerdings zunächst nicht von Durbridges Kriminalinspektor Harry Yates (Heinz Drache). Verraten wird er vom Kabarettisten Wolfgang Neuss, per Zeitungsannonce vor der letzten "Halstuch"-Folge. Die Fernsehnation hat ihren ersten TV-Skandal.

Durbridge wird 1912 in Hull (Yorkshire) geboren. Mit 19 Jahren beginnt er, Krimis zu schreiben. Ein Studium des Altenglischen und der Volkswirtschaft hat er da schon abgebrochen, den Job als Börsenmakler aufgegeben. 1938 feiert Durbridge mit der Hörspielreihe "Paul Temple" seinen ersten Erfolg in der BBC; elf Jahre später läuft sie auch in Deutschland. Durbridges Markenzeichen wird der subtile Horror, in dem die Welt der Dinge eine mörderische Rolle spielt: Mal kommt ein geheimnisvolles Päckchen an, in dem ein Hut und der Zettel eines Toten liegt, mal spielt ein Halstuch bei der Aufklärung des Mordes eine zentrale Rolle.

Die Krimis spielen in der Welt der Reichen: unter Ärzten, Maklern und Rechtsanwälten, in feinen Landhäusern und mit höflichem Personal. So schreibt der Autor über jenes Milieu, in das er durch seine erfolgreichen Bücher selbst gelangt. Am Ende hat er ein Stadthaus in London sowie einen Landsitz mit gepflegtem Garten und einem Jaguar in der Garage. Francis Durbridge stirbt am 11. April 1998 mit 85 Jahren nach langer Krankheit in London. Doch woher kannte Wolfgang Neuss den Mörder im "Halstuch"? Von seiner Mutter, die ihm verrät: "Der Masseur, der mich massiert, massiert auch die Frau von Dieter Borsche. Und der hat mir das gleich gesagt."

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12. April 2008, 16:39   #103
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12. April 1898: Marie Curie berichtet erstmals über Radium

Ende des 19. Jahrhunderts sind Frauen in Polen nicht zum Studium zugelassen. Die 24-jährige Maria Sklodowska, eine hochbegabte Lehrerstochter aus Warschau, reist deshalb 1891 nach Paris, um an der Sorbonne Physik und Mathematik zu studieren. Sie beweist einen scharfen Verstand und besteht alle Examina mit Bestnoten. 1895 heiratet Maria, die sich nun Marie nennt, den acht Jahre älteren Pierre Curie, einen der bedeutendsten Physiker Frankreichs. Ihren Forscherehrgeiz widmet sie einem Phänomen, dem der Physiker Henri Becquerel auf die Spur gekommen ist. Er hat entdeckt, dass von Uran eine Strahlung ausgeht, die selbst dicke Aluminiumplatten durchdringen kann. In einem feuchten, unbeheizten Schuppen richten Marie und Pierre Curie ein Labor ein, um die Ursache jener "Radioaktivität" zu klären.

Marie Curies Forschungsmaterial ist Uranpecherz, Pechblende genannt. Tonnenweise wird es aus den Bergwerken im böhmischen St. Joachimsthal nach Paris geschafft und dort von ihr in jahrelanger Schwerstarbeit zerkleinert, erhitzt und mit Flüssigkeit versetzt. So gelingt es Marie Curie, winzige Spuren eines Elementes zu isolieren, von dem jene geheimnisvolle Strahlung ausgeht. Am 12. April 1898 schließlich wagt sie es, der gegenüber einer Frau äußerst misstrauischen Fachwelt die Entdeckung eines neuen Elementes in Aussicht zu stellen: "Zwei Uranverbindungen [ ...] sind weit aktiver als das Uran selbst. Diese Tatsache ist sehr bedeutungsvoll und führt zu der Annahme, dass diese Mineralien möglicherweise ein Element enthalten können, das weit aktiver ist als das Uran."

Nach dem ersten strahlenden Element, das Madame Curie auf den Namen Radium tauft (lat. radius= der Strahl), entdeckt das Forscher-Ehepaar noch ein zweites. Es erhält, nach Maries Heimatland, den Namen Polonium. Allerdings vergehen noch weitere vier Jahre, bis Marie Curie endlich ein Zehntel Gramm Radium gewonnen hat und sein Atomgewicht bestimmen kann. 1903 erhält sie als erste Frau - zusammen mit Henri Becquerel und ihrem Mann - für die Erforschung der Radioaktivität den Physik-Nobelpreis. Acht Jahre später wird Marie Curie für die Entdeckung und Isolierung von Radium und Polonium mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Ihr permanent ungeschütztes Hantieren mit den radioaktiven Substanzen bezahlt die Strahlen-Pionierin mit dem Leben. Am 4. Juli 1934 stirbt Marie Curie nach jahrzehntelangem Leiden an Leukämie.

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14. April 2008, 12:23   #104
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13. April 1943: Das Massaker von Katyn wird bekannt

September 1939: Die Wehrmacht greift Polen an, der Zweite Weltkrieg beginnt. Hitlers Truppen überrennen den Westen des Landes. Sofort startet eine systematische Verfolgung und Ausrottung der polnischen Elite. Zweieinhalb Wochen nach dem deutschen Angriff marschiert auch die Rote Armee im Polen ein. Die Grundlage dafür bietet ein geheimes Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt. Darin ist die Aufteilung Polens zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion geregelt. Der sowjetische Geheimdienst "Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten" (NKWD) bekommt Zugriff auf die Reste der polnischen Armee in Ostpolen. Insgesamt rund 25.000 Personen werden in Lagern interniert - vor allem Offiziere, aber auch Akademiker, Ingenieure, Ärzte und Intellektuelle. Zunächst versucht NKWD-Chef Lawrenti Pawlowitsch Berija vergeblich, sie umzuerziehen. "Dann hat Berija Stalin vorgeschlagen, man sollte sei doch als eingeschworene Feinde der sowjetischen Ordnung erschießen", sagt Joachim von Puttkamer, Osteuropa-Historiker an der Uni Jena.

Im Frühjar 1940 rollen täglich Züge aus den Internierungslager nach Katyn in der Nähe von Smolensk und zu zwei anderen Erschießungsorten. Die polnischen Gefangenen behalten ihre Winterkleidung an. Sie tragen Ausweise, Tagebücher, Zeitungsausschnitte und sogar Orden bei sich. Die Gefesselten werden mit Genickschüssen ermordet. Ein Jahr später greift Hitler seinen Bündnispartner Stalin an. Nun paktiert Stalin mit den Briten, Amerikaner und Exil-Polen. Die polnische Exil-Regierung in London baut eine eigene Armee auf - und fragt Stalin nach den verschwundenen polnischen Offizieren. Doch die Frage bleibt unbeantwortet - bis die Wehrmacht im Februar 1943 Massengräber bei Katyn findet. Am 13. April lässt Hitlers Propaganda-Chef Joseph Goebbels die Nachricht vom Fund der Leichen zum ersten Mal über den Rundfunk ausstrahlen: "Eine furchtbare Warnung an die Menschheit." Deutschland setzt eine internationale Untersuchungskommission ein. Doch die Entrüstung ist rein taktischer Natur: Gleichzeitig deportiert die SS tausende Juden aus dem Warschauer Ghetto in die Vernichtungslager.

Goebbels Kalkül, einen Keil in das Bündnis der Alliierten zu treiben, geht nicht auf. Großbritanniens Premierminister Winston Churchill und US-Präsident Franklin D. Roosevelt wissen, dass sie Stalin für den Sieg über Hitler brauchen. "Churchill hat einem polnischen Gesprächspartner recht deutlich gesagt: Davon, dass man Stalin dieses Verbrechens anklagen würde, würden die Toten auch nicht wieder lebendig", erklärt Historiker von Puttkamer. "Roosevelt hat einfach abgewehrt und gesagt, das könne er sich nicht vorstellen." Nur die polnische Exilregierung bohrt solange, bis Stalin den Kontakt zu ihr abbricht. Stattdessen baut er eine eigene polnische "Volksregierung" auf. Nach ihrem Sieg über Hitler lassen die Sowjets in Katyn graben und kommen zu einem anderen Ergebnis. Nach ihrer Version waren die Täter deutsche Faschisten. Erst 1990 gesteht der Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow ein, dass der NKWD über 10.000 polnische Gefangene in Katyn erschossen hat.

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14. April 2008, 12:28   #105
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14. April 1783: "Nathan der Weise" uraufgeführt

Sultan Saladin ist kein übler Herrscher. Als Richard Löwenherz Ende des 12. Jahrhunderts versucht, das von "Muselmanen" eroberte Jerusalem für die Christenheit zurückzuerobern, lässt Saladin ihm in einer Kampfpause Erfrischungsgetränke servieren. Und Friedrich Barbarossa fragt er, ob dessen Tochter nicht seinen Sohn zum Mann nehmen wolle, damit dieser Herrscher des heiligen römischen Reichs werden kann. So jedenfalls besagt es die Legende. Kein Wunder also, dass Gotthold Ephraim Lessing als aufgeklärter Autor rund 600 Jahre später auf Saladin aufmerksam wird. In seinem Drama "Nathan der Weise" setzt er ihm 1779 ein Denkmal.

Zeit seines Lebens möchte Lessing seine Landsleute zur Toleranz erziehen: als Kritiker und Dichter, als Dramaturg, Dramatiker und bei der Akademie der Wissenschaften in Berlin. In seinem Zwist mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze plädiert er für ein "Christentum der Vernunft", das Gedankenfreiheit zulässt. "Nathan der Weise" bringt diese religionsphilosophische Überlegung in der berühmten Ringparabel auf die Bühne. Hier fragt Sultan Saladin den Juden Nathan, ob sein Glaube oder der der Moslems oder Christen der richtige sei. Nathan antwortet salomonisch, indem er von einem Vater erzählt, der seinen drei gleich geliebten Söhnen drei täuschend gleiche Ringe hinterlässt, von denen aber nur einer ein altes Erbstück ist. Kaum ist der Vater tot, will jeder der Söhne der wahre Herrscher über das Vermögen sein, der sich durch den echten Ring legitimieren kann. Aber "der rechte Ring war nicht erweislich", heißt es im Stück. "Hat von euch jeder seinen Ring von seinem Vater: so glaube jeder seinen Ring den echten".

Die rechte Religion kann es nicht geben, will Lessing sagen. Über den wahren Glauben, der sich nicht beweisen lässt, kann man nicht streiten. Wer im Namen Gottes Kriege ausficht und Zwietracht sät, der handelt falsch. Am 14. April 1783 wird "Nathan der Weise" in Berlin uraufgeführt. Da ist sein Autor bereits zwei Jahre tot. Er hinterlässt eines der schönsten Kleinode der deutschen Bühnenkunst.

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15. April 2008, 07:53   #106
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15. April 1973: Das Erste zeigt "Smog"

Am Abend des 15. April 1973 wissen manche Fernsehzuschauer nicht, wo sie gelandet sind: Gleich nach der Tagesschau geht es im Ersten weiter mit Berichten von einer Umweltkatastrophe im Ruhrgebiet. Reporter berichten aus nebelverhangenen Straßen, Meteorologen erklären die Lage, die Polizei ruft dazu auf, das Auto nicht zu benutzen. Manche Zuschauer rufen besorgt beim WDR oder bei der Polizei an, um zu erfahren, was da los ist.

Sie erhalten Entwarnung: Das Fernsehen zeigt einen Fernsehfilm, keine Realität - aber nah an der Realität. Die beiden Wolfgangs, die den Film gemacht haben, stehen wir brisante Umsetzung brisanter Stoffe: Wolfgang Menge schrieb das Drehbuch, Wolfgang Petersen führte Regie. "Smog" entwirft ein Szenario: Was geschieht, wenn der Ernstfall eintritt, den das nordrhein-westfälische Gesetz "zur Verhinderung smogähnlicher Erscheinungen bei austauscharmen Wetterlagen" beschreibt?

Smog ist ein Kunstwort aus den englischen Worten für Rauch (smoke) und Nebel (fog). Kein Film, sondern bittere Realität war eine Inversionswetterlage in London 1952. Vom 4. bis 10. Dezember sorgte ein Hochdruckgebiet sorgt dafür, dass die Luft in höheren Schichten wärmer war als unten in der winterlichen Stadt. Die Dunstglocke mit all ihren Schadstoffen konnte nicht entweichen. Die Smog-Woche forderte nach offiziellen Angaben etwa 4.000 Todesopfer. (Andere Schätzungen nennen noch weit höhere Zahlen.) Es war vor allem der Rauch aus den Schornsteinen der privaten und industriellen Kohleöfen, der eine Stickoxydkonzentration erzeugte, die auch gesunden Menschen das Atmen schwer machte. Der Smog war so dicht, dass man auch am Tag auf der Straße kaum sehen konnte.

Das scheint 1973 schon wieder vergessen. Denn am Tag nach der Ausstrahlung von "Smog" werfen manche Politiker dem Film Panikmache vor. Die Polizei erklärt, die im Film dargestellten 15 Kilometer Stau auf der Autobahn seien völlig unrealistisch. Aber nicht nur darin erhalten die Autoren später Recht: 1979 muss im Ruhrgebiet erstmals Smog-Alarm ausgelöst werden, 1985 sogar die höchste Alarmstufe 3. Danach ist es mit dem klassischen Smog in NRW bald vorbei: Neue Umweltgesetze und -technik sorgeb dafür, dass die Luft in der Region besser wird. Das giftige Schwefeldioxid wird sogar um 90 Prozent verringert. Beseitigt sind die Probleme jedoch nicht: Statt Smog- gibt es heute Ozon- und Feinstaubalarm.

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16. April 2008, 07:47   #107
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16. April 1943: Albert Hofmann entdeckt das LSD

Auch mit 102 Jahren hat Albert Hofmann nur eine Erklärung für das, was damals geschah: "Das LSD ist zu mir gekommen, ich habe es nicht gesucht." Damals, das ist der Nachmittag des 16. April 1943. Hofmann, 37 Jahre alt und Chemiker des Schweizer Pharmakonzerns Sandoz, experimentiert im Labor mit dem Mutterkorn, einem auf Getreide gedeihenden Pilz. Dessen geheimnisvolle Kräfte werden seit tausend Jahren zur Herstellung von Arzneien und Ritualdrogen genutzt. Hofmann ist einem Kreislaufmittel auf der Spur. Mitten in der Arbeit wird er von wachsender innerer Unruhe und Schwindelgefühl erfasst. "Obwohl ich an peinlich sauberes Arbeiten gewohnt war, muss eine Spur der Substanz zufällig in meinen Körper gelangt sein."

Plötzlich weiß Hofmann nicht, wie ihm geschieht: Auf wundersame Weise steigern sich seine Sinneswahrnehmungen. Er schwingt sich aufs Rad, fährt nach Hause, legt sich ins Bett und hat "ein wunderbares Erlebnis". In den folgenden Tagen analysiert Hofmann den Stoff, den er zuletzt aus dem Mutterkorn gewonnen hat: Lysergsäurediäthylamid, kurz LSD. Der gewiefte Pharma-Forscher ahnt, dass die offenbar psychoaktive Substanz interessante Möglichkeiten für die Psychiatrie bieten könnte. Am 19. April wagt Hofmann einen gezielten Selbstversuch mit der für ihn denkbar kleinsten Dosis und notiert: "16.20 Einnahme der Substanz. 17.00 Beginnender Schwindel, Angstgefühl, Sehstörungen, Lähmungen, Lachreiz; mit Velo nach Hause. Von 18.00 - ca. 20.00 Uhr schwerste Krise." Trotz des Horrortrips ist Hofmann begeistert von den psychedelischen Reiseerlebnissen in die unbekannten Regionen seines Bewussteins. Der Pharma-Riese Sandoz wittert ein Riesengeschäft. Wie er die Droge entdeckt hat, erzählt Hofmann 60 Jahre später unter dem Titel "Erinnerungen eines Psychonauten".

Unter dem Namen Delysid macht LSD eine steile Karriere in der Behandlung schwerster Psychosen. Es fällt der CIA in die Hände, die es als Wahrheitsserum in geheimen Test an US-Soldaten erprobt. Mitte der 50er Jahre bricht LSD aus der Welt der Labore aus. Reporter und Künstler tragen ihre Triperfahrungen in die Öffentlichkeit. Als der Harvard-Psychologe Timothy Leary lautstark den freien Zugang zu LSD für jedermann propagiert, fällt die Botschaft bei der zunehmend rebellischen Jugend auf fruchtbaren Boden. Die Hippie-Bewegung befördert den Stoff zur Dauerfahrkarte für den Trip hinter die Pforten der Wahrnehmung. "Turn on, turn in, drop out" lautet die von Leary geprägte Devise. 1966 ist die wilde Zeit des LSD vorbei. Die US-Regierung stellt Herstellung, Besitz und Anwendung unter Strafe. "Lucy in the Sky with Diamonds", wie die Beatles die Wunderlösung angeblich besingen, wird weltweit als Rauschgift geächtet. Bis heute setzt sich der inzwischen hoch betagte, aber immer noch rüstige Albert Hofmann dafür ein, die erstaunlichen Eigenschaften seiner Entdeckung wieder für die pharmakologischen Forschung nutzbar zu machen.

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19. April 2008, 11:50   #108
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17. April 1998: Linda McCartney stirbt in Santa Barbara

New York, 24. Juni 1966: Für den Abend haben die Rolling Stones zu einer Pressekonferenz an Bord einer Luxusyacht auf dem East River geladen. Linda Eastman, Bürogehilfin einer High-Society-Illustrierten, wird zum Termin geschickt. Die attraktive 24-Jährige wird als einzige Fotografin aus dem Pulk wartender Journalisten ausgewählt, die an der Bootsfahrt teilnehmen darf. Dank ihrem Charme gelingen der unbekannten Fotografin außergewöhnlich natürlich wirkende Bilder: Die Rockmusiker posieren ungezwungen vor ihrer Kamera. Mick Jagger erliegt ebenfalls ihrer Ausstrahlung und lädt sie zum Date ein. Bald macht sie auch Fotos von anderen Stars wie Janis Joplin, Andy Warhol und den Doors. Zu vielen hat Linda, die am 24. September 1941 in Scarsdale im US-Bundesstaat New York geborene Anwaltstochter, persönlichen Kontakt: Jimi Hendrix besucht sie in ihrem Appartement, mit Jim Morrison geht sie in China-Town essen, mit Jackson Browne fährt sie in der U-Bahn durch die Stadt.

1967 lernt Linda Eastman bei der Präsentation des "Sergeant Pepper"-Albums der Beatles Paul McCartney kennen. "Wir hatten einen höchst intensiven Augenflirt", sagt sie später. Paul McCartney ist hingerissen: "Sie war anders. Sie war eine Frau, die anderen waren nur Mädchen." 1969 heiraten die beiden. Eine fast 30-jährige, skandalfreie Ehe folgt. "Unser Geheimnis ist", sagt Paul McCartney einmal, "wir himmeln uns einfach an." Nach der Auflösung der Beatles ist es Linda, die Paul tröstet. Sie motiviert ihn, wieder Musik zu machen. In der neu gegründeten Band "Wings" spielt sie Keyboard und ist Background-Sängerin. Sie wird von Kritik überhäuft: "Sie sagen, dass ich schief singe. Was soll's! Die meisten Punks machen das, und ich liebe Punkmusik!"

Die McCartneys leben mit ihren vier Kindern auf einer schottischen Farm. Als Tierschützerin schreibt Linda vegetarische Kochbücher und vertreibt vegetarische Lebensmittel. Ihre "Vegburgers" zieht sie allerdings 1993 zurück, nachdem darin Fleisch gefunden wurde. Zwei Jahre später müssen tausende Gemüsepasteten wegen zu hohen Fettgehalts aus den Verkaufsregalen genommen werden. Im Dezember 1995 wird bekannt, dass Linda Brustkrebs hat. Der Tumor wird entfernt, die Krankheit scheint überwunden, doch dann bilden sich sogar in der Leber Krebszellen. Linda McCartney stirbt am 17. April 1998 mit 56 Jahren im kalifornischen Santa Barbara. "Sie sorgte dafür", so Paul auf der Trauerfeier, "dass du glücklich warst, du selbst zu sein."

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19. April 2008, 11:52   #109
Jules
 
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18. April 1873: Tod des Chemikers Justus von Liebig

Die Münchner High Society kennt 1853 eine wesentlich spannendere Abendunterhaltung als Oper und Theater. Das wahre gesellschaftliche Ereignis findet an der Universität statt. Vor vollen Rängen präsentiert dort ein wortgewaltiger Professor Experimente mit den Elementen, die die feine Gesellschaft zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißen. Heute sind diese publikumswirksamen Versuche mit Knall- und Leuchteffekten jedermann aus dem Schulunterricht vertraut, was jenem von Bayerns König Maximilian äußerst hochgeschätzten Professor zu verdanken ist: Justus von Liebig, damals in Europa ebenso berühmt wie in Amerika, gilt als Begründer des chemischen Experimentalunterrichts an deutschen Schulen.

Zu Liebigs Jugendzeit ist Chemie als eigenständiges Fach an Schulen und Universitäten noch völlig unbekannt. An Latein und Griechisch völlig uninteressiert, arbeitet sich der 1803 geborene Sohn eines Darmstädter Drogisten im Alleingang durch die gesamte chemische Fachliteratur. Als Sechzehnjähriger weiß er alles, was man zu jener Zeit über Aufbau, Verhalten und Umwandlung von Stoffen nur wissen kann. Ohne Abitur ergattert Liebig einen Studienplatz in Bonn, bevor er 1822 ein Stipendium an der Pariser Sorbonne erhält. Dort wird der Autodidakt von Alexander von Humboldt entdeckt und gefördert. "Er wird ein Professor sein, der dem Vaterland Ehre macht", prophezeit der große Universalgelehrte in einem Empfehlungsbrief, der dem jungen Naturforscher Tür und Tor öffnet. Kurz vor seinem 21. Geburtstag wird Justus Liebig zum außerordentlichen Professor der Chemie an der Universität Gießen ernannt.

Bereits um 1830 ist das Provinzstädtchen Gießen durch Liebigs Lehrtätigkeit so berühmt, dass die Studenten aus ganz Europa angereist kommen. Liebig forscht, lehrt und publiziert unermüdlich, entwickelt neue Analysemethoden und erfindet bahnbrechende Geräte wie den Fünf-Kugel-Apparat zur Bestimmung organischer Stoffverbindungen. Mit dem von ihm entwickelten Kunstdünger - auch wenn dieser zunächst jahrelang nur unter Laborverhältnissen funktioniert - revolutioniert Liebig den Ackerbau. Seine Zeitgenossen erheben den inzwischen zum Freiherrn geadelten Liebig dafür zum "Newton der Agrarwissenschaft". 1852 lockt ihn dann der bayerische König bei fürstlicher Bezahlung nach München. Dort widmet sich Justus von Liebig den praktischen Anwendungen seiner Forschungsergebnisse. Er entwickelt und produziert unter anderem ein Fleischextrakt, das Backpulver und Trockenmilch für Säuglinge - Substanzen, mit denen er zum Vater der chemisch-industriellen Nahrungsproduktion wird. Seine ehemaligen Schüler gehören zu den Mitbegründern von Unternehmen wie BASF, Hoechst und Bayer. Justus von Liebig stirbt am 18. April 1873 in München an den Folgen einer Lungenentzündung.

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19. April 2008, 11:56   #110
Jules
 
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19. April 1943: Der Aufstand im Warschauer Ghetto beginnt

Um drei Uhr morgens des 19. April 1943 wird das Warschauer Ghetto von zwei Bataillonen der Waffen-SS umstellt. SS-General Jürgen Stroop hat einen Anruf erhalten: "Der Reichsführer SS befahl mir: Der Zeitpunkt für die Großaktion ist gekommen." Die im Ghetto eingeschlossenen Juden sind gewarnt worden und haben sich vorbereitet. Die 850 vorrückenden SS-Männer sind fassungslos: Die Juden leisten Widerstand. Etwa 300 jüdische Partisanen schießen von Dächern, werfen Benzinbomben und setzen drei gepanzerte Fahrzeuge in Brand. "Nach einer halben Stunde waren die Einheiten zerschlagen und demoralisiert", heißt es im Bericht Stroops. In Berlin tobt SS-Reichsführer Heinrich Himmler. Er wollte Adolf Hitler am 20. April ein Geburtstagsgeschenk machen und ihm verkünden, Warschau sei "judenfrei".

Das Warschauer Ghetto wird ein halbes Jahr nach dem deutschen Angriff auf Polen eingerichtet. Im Mai 1940 wird der nördliche Teil der Stadt zum "Seuchen-Sperrbezirk" erklärt und am 2. Oktober die Ghettoisierung der Juden angeordnet. Das Ghetto wird mit einer dreieinhalb Meter hohen Mauer umgeben. Am 16. November 1940 werden die 22 Tore zur Außenwelt geschlossen - knapp ein halbe Million Menschen lebt damit auf zwei Prozent des Stadtgebietes. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Die systematische Aushungerung lähmt den Widerstandswillen. Hinzu kommt die falsche Hoffnung des von der SS eingesetzten so genannten Judenrats. Der Historiker Israel Gutman, ein Überlebender aus Warschau erinnert sich: "Die Judenräte haben gesagt: Für die Deutschen sind wir keine Menschen, aber wenn wir produktiv sind und den Deutschen helfen, können wir vielleicht damit unser Leben retten." Viele Juden müssen auf dem Ghetto-Gelände Zwangsarbeit für die deutsche Rüstung leisten.

Im Juli 1942 beginnt die Deportation aus dem Ghetto in die Vernichtungslager. Täglich werden zwischen 6.000 und 7.000 Menschen in Güterwagen verladen. Während orthodoxe Juden sich nicht wehren, weil sie sich nicht gegen den angeblichen Willen Gottes stellen wollen, organisieren sich linke Zionisten und jüdische Sozialisten. Die jüdische Kampforganisation entsteht aus jungen Leuten zwischen 15 und 26 Jahren. Am 2. Dezember 1942 ist es geschafft: 22 Einheiten von je sechs Kämpfern werden über das Ghetto verteilt. Ihre Waffen erhalten sie vorwiegend von der polnischen Untergrundorganisation. Sie lernen schießen und bauen ein unterirdisches Bunkersystem. Ihr Ziel: Lieber kämpfend sterben, als vergast zu werden. Als im April 1943 das Ghetto liquidiert werden soll, leben noch rund 60.000 Bewohner. Nach dem ersten Rückschlag setzt die SS schließlich 3.000 Mann, Artillerie und Flammenwerfer ein. Das Ghetto wird Haus um Haus niedergebrannt. Am 16. Mai 1943 ist der Kampf nach fast vier Wochen zu Ende. SS-General Stroop bilanziert: "Gesamtzahl der erfassten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt: 56.065." Als Siegeszeichen befiehlt er, die letzte Synagoge zu sprengen. In seiner Tagesmeldung steht: "Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!"

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20. April 2008, 12:51   #111
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20. April 1908: Geburtstag des Jazzmusikers Lionel Hampton

Mit sechs Jahren hat Lionel Hampton nach eigenen Angaben sein Erweckungserlebnis. Mit seiner Großmutter sitzt er wie jeden Sonntag in der Holiness Church in Birmingham, Alabama. An der Basstrommel der gemeindeeigenen Musikband steht eine Ordensschwester. Als sie sich durch Trommeln in Verzückung spielt, springt der kleine Lionel auf, greift sich die Schlegel und spielt einfach weiter. "Ich hatte den Eindruck, dass Schlagzeugspielen der beste Weg war, Gott nahe zu kommen", wird er später sagen. "Von da an war ich Drummer."

Hampton wird 20. April 1908 in Louisville, Kentucky, geboren. 1919 übersiedelt die Familie nach Chicago, wo sie sich während der Prohibition mit illegal gebranntem Schnaps bestens über Wasser hält. Im Musikunterricht lernt Hampton alle Instrumente der Schlagzeugfamilie, nebenbei hört er die Platten von Louis Armstrong und Coleman Hawkins, deren Soli er auf dem Xylophon nachspielt. In Los Angeles gelingt es Hampton, sich in der Jazzszene zu etablieren. 1930 darf er im legendären Cotton Club für Armstrong das Vibraphon spielen - und führt damit das Instrument in die Jazzgeschichte ein. Nach einigen Rundfunkaufnahmen gilt Hampton als "der schnellste Drummer der Welt". Mit seinen kurzen, eingängigen "Rhythm and Blues Riffs" nimmt er ein wichtiges Stilmittel des Rock 'n' Roll vorweg.

Auch wenn Hampton denkt, durch Trommeln Gott näher zu kommen, so glauben doch seine Zeitgenossen, dass er eher wie der Teufel spiele. Mit seinen Schlegeln spornt er die Band dirigierend zur Höchstleistung an, Konzertbesucher spielt er regelmäßig in den Rausch. Bei einem Konzert in Hamburg 1956 muss Staatsgewalt verhindern, dass das zum Rasen gebrachte Publikum die Bühne stürmt. "Wir sprangen auf die Stühle, und schon splitterte Holz", erinnert sich ein Fan. "Der Rest ging im Polizeieinsatz unter". Hampton stirbt 2002 in New York.

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21. April 2008, 10:47   #112
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21. April 1918: Manfred von Richthofen wird getötet

Luftkampf im Ersten Weltkrieg: Der englische Major sieht den Feind aus dem Augenwinkel. Die Fokker nähert sich schießend aus der Drei-Uhr-Position. Doch Sekunden später hat der Engländer den deutschen Jagdflieger Manfred von Richthofen im Fadenkreuz. Doch es fällt kein Schuss: Ladehemmung. Außerdem hat es seinen Motor erwischt. Richthofen bemerkt die Lage und gibt dem Engländer ein freundliches Handzeichen: "Lass uns landen!" Minuten später stehen die beiden Feinde auf dem Acker und rauchen Zigaretten. "Als ich sah, dass Sie Probleme hatten, konnte ich Sie doch nicht abschießen", sagt von Richthofen. "Ich mag euch Engländer, denn auch ich liebe Fair Play!" - Eine wunderbare Geschichte von Großmut und Ritterlichkeit, aber sie ist falsch. Wie so viele Heldenlegenden um von Richthofen.

Geboren wird Manfred Freiherr von Richthofen am 2. Mai 1892 im schlesischen Breslau als Sohn eines preußischen Majors. Nach seiner Ausbildung wird er 1912 Leutnant. Drei Jahre später lernt er fliegen. Im März 1916 wird er der Jagdstaffel von Hauptmann Oswald Boelcke zugeteilt. Seinen Dreidecker lässt von Richthofen rot anstreichen, was ihm später den Spitznamen "Roter Baron" einbringt. Schon nach wenigen Monaten hat er die meisten Abschüsse aller deutschen Piloten zu verzeichnen. "Liebe Mama", schreibt der als Kriegsheld Gefeierte nach Hause, "das Herz schlägt einem höher, wenn der Gegner, dessen Gesicht man eben noch gesehen hat, in Flammen gehüllt abstürzt." Noch heute streiten Experten, ob von Richthofen ein Fall für die Psychiater war. Möglicherweise war seine Angriffslust die Folge einer Schussverletzung am Kopf, einer Schädigung des vorderen Stirnlappens.

Insgesamt hat von Richthofen 80 Gegner abgeschossen, als er am 21. April 1918 selbst getötet wird. Bis heute gibt es verschiedene Versionen, wie er gestorben ist. Mal soll ein kanadischer, mal ein australischer Flieger den 25-Jährigen bei Vaux-sur-Somme in der Luftschlacht besiegt haben. Nach einer weiteren Überlieferung hat ihn ein Soldat vom Boden aus mit einem Gewehrschuss erwischt. Kaiser Wilhelm II. kondoliert: "Bei Mir, Meiner Armee und dem deutschen Volk unvergessen". 15 Jahre später nutzen die Nazis von Richthofen für ihre Propaganda: "Manfred von Richthofen war Nationalsozialist, denn er liebte sein Volk über alles, und die Ehre und der Ruhm seines Vaterlandes war ihm das Höchste", sagt Reichsmarschall Hermann Göring bei der Einweihung eines Richthofen-Museums. Die Bundesluftwaffe stört sich offensichtlich nicht daran. Von Richthofen gilt den Fliegern noch heute als Vorbild. Das Jagdgeschwader 71 trägt seinen Namen.

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22. April 2008, 08:23   #113
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22. April 1953: Uraufführung des Thrillers "Lohn der Angst"

Ein trostloseres Kaff als Las Piedras ist kaum vorstellbar. Ein Nest voller gestrandeter Randexistenzen am Rande der venezolanischen Zivilisation. Ein menschliches Ersatzteillager für den amerikanischen Öl-Konzern, der 500 Kilometer entfernt ein Bohrfeld betreibt. Als eine der Ölquellen in Brand gerät, bietet sich vier zu allem entschlossenen Männern die Chance, endlich so viel Geld zu verdienen, um aus Las Piedras entkommen zu können. Für 1.000 Dollar pro Mann sollen sie Nitroglyzerin zur Unglücksstelle transportieren, um das Feuer auszublasen. Zur Verfügung stehen dafür nur ungenügend ausgerüstete Lastwagen; die Reise durch das mittelamerikanische Irgendwo führt über eigentlich nicht vorhandene Straßen. Ein Himmelfahrtskommando also, mit denkbar geringen Überlebenschancen.

Die ganze erste Stunde seines finsteren Thrillers "Lohn der Angst" (Le salaire de la peur) nimmt sich Regisseur Henri-Georges Clouzot Zeit, die Protagonisten Mario (Yves Montand) und Jo (Charles Vanel), Bimba (Peter van Eyck) und Luigi (Folco Lulli) präzise zu charakterisieren. Als sich das Quartett dann in zwei mit Nitroglyzerin vollgepackten Trucks unter Sirenengeheul auf den Weg macht, ist man mit den vermeintlichen Stärken und Schwächen der vier bestens vertraut. Umso mehr gehen die Wandlungen und Todesängste unter die Haut, die sie auf ihrer grauenhaften Reise durchmachen. Umso mehr presst es den Zuschauer in den Kinosessel, wenn Bimba und Luigi mit ihrem Truck in die Luft fliegen, wenn Mario seinen Kumpan Jo überfahren muss, um nicht in einem Ölsee stecken zu bleiben. Voller Erleichterung gönnt man dem pfiffigen Mario als einzigem Überlebenden seinen Lohn der Angst.

Und eiskalt ist das Entsetzen, wenn der sympathische Yves Montand schließlich mit den Taschen voller Geld zu Walzerklängen in den Abgrund rast. Kein Film Noir ist schwärzer und desillusionierender als dieser Abenteuer-Klassiker, der am 22. April 1953 in Frankreich seine Uraufführung erlebt. Beim Festival von Cannes wird "Lohn der Angst" mit dem großen Preis ausgezeichnet. "Ich habe gerade einen genialen Fußtritt in den Magen bekommen", stöhnt Jury-Präsident Edward G. Robinson nach der Vorstellung. Für Hauptdarsteller Yves Montand, der bereits als Sänger Karriere gemacht hat, beginnt mit diesem Fußtritt der Aufstieg zum international populärsten Leinwandstar aus Frankreich. In Berlin erhält "Lohn der Angst" den Goldenen Bären. Zu sehen bekommen die Deutschen den Film allerdings in einer gesäuberten Version. Die Synchronfassung unterschlägt alles, was die Bosse der US-Ölfirma als skrupellose Ausbeuter charakterisiert. Acht Jahre nach Kriegsende darf das Ansehen der amerikanischen Freunde in der Bundesrepublik keinen Schaden nehmen.

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23. April 2008, 07:56   #114
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23. April 1858: Max Planck wird geboren

Quantensprünge bezeichnen in der Umgangssprache größtmögliche Leistungen. Eingeführt hat die Bezeichnung der Physiker Max Planck 1900. Doch Planck beschreibt mit dem Begriff kleinstmögliche Änderungen in der Welt der Atome. Die Entdeckung der Quantensprünge begründet eine revolutionär neue Theorie: Die Quantenphysik. "Die Wirkung des physikalischen Wirkungsquantums, das ist meine Hauptleistung", sagt der 84-jährige Physiker 1942 in einem Film für das NS-Propagandaministerium. "Die Folgen auf allen Gebieten - Physik, Chemie, Astronomie und sogar Biologie - sind noch gar nicht abzusehen."

Heute, im Zeitalter der Elektronik, geht ohne Plancks Quantentheorie nichts mehr. Im 19. Jahrhundert heißt die grundlegende Frage noch: Gibt es überhaupt Atome? Die Physiker suchen ein Modell, das alle Erscheinungsformen der Natur erklärt. Feste Materie, aber ebenso das Licht. Wenn Materie mit Atomen beschrieben wird, dann besteht auch Strahlungsenergie wie Licht aus "Strahlungsatomen", aus so genannten Lichtquanten. Strahlung breitet sich demnach nicht als beliebige Welle aus, sondern als punkförmiges Partikel, als ein Quantum Licht, sozusagen portionsweise. "Ich wagte anfangs diese Hypothese nur ungern", sagt Planck. Die Arbeit seiner Kollegen habe aber gezeigt, "dass sie der Wirklichkeit entspricht."

1918 wird Plancks Idee mit dem Nobelpreis belohnt. Zu diesem Zeitpunkt ist der am 23. April 1858 in Kiel geborene Wissenschaftler, der aus einer Theologen- und Juristenfamilie stammt, längst mehr als ein überragender Theoretiker. Er hat sich vom Forscher zum Repräsentanten der deutschen Physik gewandelt. Als Rektor der Berliner Universität und ständiger Sekretär der Preußischen Akademie der Wissenschaften begrüßt er 1914 den Kriegsaufruf von Kaiser Wilhelm II.: "Es ist ein Hochgefühl, sich heute ein Deutscher nennen zu können." Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches führt Planck die deutsche Physik mit der Parole "Durchhalten und weiterarbeiten!" durch die Weimarer Republik. Als die Nazis 1933 die Entlassung aller Juden aus der Wissenschaft verlangen, ordnet sich Planck unter und sagt sich sogar von seinem ehemaligen Freund Albert Einstein los.

"Sein Handeln während der Nazizeit folgt einer Weltsicht, die die Pflichterfüllung gegen Institutionen schätzte und die Sache der Wissenschaft über die allgemeine Menschlichkeit stellte", schreibt Planck-Biograph John Heilbron. Plancks Verhalten ist geprägt durch seine Erziehung zu Pflichtbewusstsein und Staatstreue sowie durch sein religiöses Verhältnis zur Wissenschaft: "Bei Planck gibt es ein merkwürdiges, wunderbares, übereinstimmendes Wechselspiel zwischen einem religiösen Gefühl und wissenschaftlichem Streben", sagt Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer. Die deutsche Wissenschaft feiert vor allem Plancks überragende Forscherpersönlichkeit: Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die von Kriegs- und Rassenforschung korrumpierte Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft nach ihrem ehemaligen Präsidenten in Max-Planck-Gesellschaft umbenannt - kurz nach Plancks Tod am 4. Oktober 1947 in Göttingen.

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27. April 2008, 12:41   #115
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24. April 1533: Wilhelm I. von Oranien geboren

Sein Vater wird Graf Wilhelm der Reiche genannt, aber er wird schon als Kind bedeutend reicher: Am 24. April 1533 auf der Dillenburg in Hessen geboren, erbt Wilhelm weite Ländereien in den Niederlanden und die südfranzösische Provinz Orange. Kaiser Karl V. holt ihn als Elfjährigen an den Hof in Brüssel und macht ihn zu seinem Berater. Der Habsburger Kaiser braucht die Adligen, um die reichen Kaufmannsstädte und die teilweise der Reformation angehörigen Provinzen des Nordens zu regieren.

1559 wird Wilhelm Statthalter von Utrecht, Seeland und Holland. Zu dieser Zeit regiert schon Philipp II. das Habsburger Reich. Von Madrid aus führt er ein zentralistisches und streng katholisches Regiment. Er entzieht dem Adel in den Niederlanden traditionelle Freiheiten und führt schließlich sogar die Inquisition ein, die Anhänger der Reformation blutig verfolgt. Wilhelm fühlt sich zwischen den Stühlen: Er ist Statthalter Philipps und doch auch der Sprecher des niederländischen Adels. Lange laviert er diplomatisch zwischen den Fronten, wird deshalb von Gegnern spöttisch "der Schweiger" genannt.

Als spanische Truppen unter dem Herzog von Alba den Freiheitswillen der Niederländer unterdrücken, flieht Wilhelm in die Nordprovinzen und organisiert von hier aus den Widerstand. Im Aufstand der so genannten "Wasser-Geusen" an der Küste kann er 1576 die Unabhängigkeit der Nordprovinzen erklären. Der Kampf geht jedoch weiter. Wilhelm verliert in diesem Krieg sein Vermögen. Philipp II. setzt 25.000 Golddukaten auf seinen Kopf aus. Das zeigt Wirkung: 1584 wird Wilhelm von Oranien von einem Attentäter in Delft ermordet. Die aus dem Unabhängigkeitskampf hervorgehende niederländische Provinz erklärt Wilhelm zum "Vater des Vaterlandes". Das "Wilhelmus-Lied" wird zur Nationalhymne. Seine Nachkommen begründen das niederländische Königshaus. Der Stammsitz Dillenburg ist bis heute ein beliebtes Ziel niederländischer Touristen.

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27. April 2008, 12:43   #116
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25. April 1968: Todestag des Aperitif-Namensgebers Félix Kir

Domherr Félix Kir ist ein Unikum. Schon als Geistlicher liebt er Empfänge, bei denen er überschwängliche Reden halten kann. Besonders gern reicht er dabei schwarzen Johannisbeerlikör mit Weißwein, um seinen Zuhörern den Auftritt zu versüßen. Der Mix aus zwei Spezialitäten seiner Heimat Burgund wird später unter dem Namen Kir Royal - gern auch mit Champagner als Zutat - weltberühmt.

Kir wird 1876 in Alise-Sainte-Reine geboren. Ab 1891 besucht er das Priesterseminar. Seine ruppige Art, politische Positionen auch schon einmal mit einem Faustschlag zu bekräftigen, stellt er bereits um 1900 als Dorfpfarrer unter Beweis. 1931 wird er Domherr (Kanonikus). Im Zweiten Weltkrieg wettert er von der Kanzel gegen die deutschen Besatzer - nicht als Mitglied der Résistance, sondern mit einer eigenen, streng konservativen Stimme. Bei der Befreiung von 5.000 Kriegsgefangenen im Lager von Longvic soll er seine Finger im Spiel gehabt haben. Der pro-nationalsozialistischen Miliz ist Kir ein Dorn im Auge. Ein Anschlag, den der Kanonikus nur knapp überlebt, macht ihn zum Volkshelden. Nach dem Krieg wird der 69-jährige Kir zum Bürgermeister von Dijon und in die Nationalversammlung gewählt, wo er 23 Jahre lang für Wirbel sorgt.

Einmal lässt Kir einen Staudamm anlegen, stimmt als einziger im Stadtrat dafür und erklärt das Projekt daraufhin für angenommen. Andererseits ist er sich nicht zu schade, vor dem Rathaus den Verkehr zu regeln. In der Nationalversammlung steigt er mit Soutane ans Rednerpult, obwohl er längst kein Kirchenamt mehr ausübt. Legendär aber wird er als Namensgeber des Kir Royal. In Deutschland wird der Aperitif als High-Society-Getränk spätestens 1986 bekannt - durch Helmut Dietls gleichnamige Fernsehserie aus der Münchner Schickeria mit Franz Xaver Kroetz als Sensationsreporter Baby Schimmerlos. Félix Kir stirbt am 25. April 1968 in Dijon.

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27. April 2008, 12:46   #117
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26. April 1888: Drehbuchautorin Anita Loos geboren

Lorelei Lee ist blond und kommt vom Land. Dumm ist sie aber trotzdem nicht. Sie ist sogar schlau genug, um ihren Geist hinter einer offenherzigen Maske aus Naivität zu verbergen. Nur selten durchschaut das die Männerwelt. "Man hat mir gesagt, Sie sollen dumm sein", sagt ein Vertreter des starken Geschlechts im Film "Blondinen bevorzugt" (1953), zu dem Anita Loos die Vorlage geschrieben hat, zu Lorelei. "Wie ich sehe, haben Sie sogar Verstand". Und Lorelei antwortet: "Ja, aber nur wenn es brenzlig wird, benutz ich ihn. Die meisten Männer mögen es nicht."

In "Blondinen bevorzugt" sind Männer hormongesteuerte Trottel, die sich von berechnenden Ludern bezirzen lassen. Ähnliche Erfahrungen macht auch Anita Loos. Geboren wird sie am 26. April 1888 in der kalifornischen Kleinstadt Sissons - als Tochter eines untreuen Hallodris, der ständig neue Projekte in den Sand setzt. Als sie beginnt, Geschichten und Drehbücher zu schreiben, verheimlicht sie ihre Leidenschaft vor ihrem ersten Freund, damit dieser keine Angst vor ihr bekommt. Ihr drittes Manuskript "A New York Hat" wird von Starregisseur D.W. Griffith verfilmt - zum ersten Treffen erscheint die Verfasserin im Matrosenkleidchen mit Strohhut im Schlepptau ihrer Mutter. 1913 geht Loos nach Hollywood, da hat sie schon rund 200 Drehbücher verfasst. Ihr Ehemann John Emerson, der sie betrügt, lässt sich von ihr aushalten. Sie selbst setzt seinen Namen mit aufs Skript, sobald er auch nur ein Komma darin ändert.

1925 erscheint Loos' boshafte Satire "Blondinen bevorzugt", zunächst als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift "Harpers' Bazaar", wegen der großen Resonanz kurz darauf als Buch. Der Riesenerfolg verschlägt ihrem Gatten buchstäblich die Sprache. Psychiater geben Loos die Schuld dafür, dass er Stimmbandprobleme bekommt und raten ihr, mit dem Schreiben aufzuhören. Emerson bittet sie erst im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929, nachdem er ihr gesamtes Vermögen verspekuliert hat, wieder Drehbücher zu verfassen. Sie schreibt unter anderem die witzigen Dialoge zwischen Clark Gable und Jean Harlow und der Film "Die Frauen" (1943) von George Cukor basiert auf ihrem besten Skript. Anita Loos stirbt 1981 im Alter von 93 Jahren in New York.

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27. April 2008, 12:49   #118
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27. April 1998: Tod der Skandal-Autorin Dominique Aury

Ausnahmsweise ist Albert Camus mit den meisten seiner Landsleute einer Meinung. "Das kann niemals eine Frau geschrieben haben". Mit "das" meint Frankreichs großer Existenzialist einen Welt-Bestseller: den 1954 unter dem Pseudonym Pauline Réage veröffentlichten Roman "Die Geschichte der O". Der Ich-Erzähler schildert darin detailliert die freiwillige sexuelle Unterwerfung einer jungen sado-masochistischen Modefotografin. "Als menschliches Wesen geht sie ihrer Auslöschung, als geschlechtliches ihrer Erfüllung entgegen", schreibt die US-Publizistin Susan Sontag. Doch wie die "O" ihr Glück in der lustvollen Qual sucht, wie sie sich auspeitschen, vergewaltigen, in Ketten legen und brandmarken lässt, das scheint den Wunschträumen eines männlichen Verehrers des Marquis de Sade entsprungen zu sein.

Als Ende der 60er Jahre erste Gerüchte über die wahre, weibliche Urheberschaft des Literatur-Pornos auftauchen, bringt das die vorherrschende öffentliche Wahrnehmung weiblicher Sexualität gehörig durcheinander. Sollte tatsächlich eine Frau Verfasserin dieses Parforce-Ritts durch das Reich der polymorphen Perversionen sein, so befürchtet "Die Zeit", werde davon die "Zukunft der Emanzipation der Geschlechter abhängen". Bestätigt wird die weibliche Autorenschaft erst 1994, von der inzwischen 86-jährigen Schriftstellerin persönlich. Vier Jahre vor ihrem Tod am 27. April 1998 kontert Dominique Aury das mediale Erstaunen auf ihre Lebensbeichte mit der schlichten Frage: "Warum sollen Frauen anständiger sein?" Sie habe sich schon als Jugendliche vorgestellt, unter dem Haus ihrer Eltern sei ein Verließ voller in Ketten gelegter Frauen.

Dominique Aury gehört im Frankreich der 50er Jahre zum Establishment. Die Journalistin macht sich als Kritikerin, Lektorin und Übersetzerin einen Namen. Als Generalsekretärin der Literaturzeitschrift "Nouvelle Revue Francaise" ist sie Teil der Intellektuellen-Szene um Jean-Paul Sartre und Albert Camus. "Die Geschichte der O" entsteht aus Liebe zu ihrem 20 Jahre älteren Lebensgefährten, dem Schriftsteller und Verleger Jean Paulhan. "Ich bin nicht mehr jung, nicht hübsch, ich muss andere Waffen finden", denkt sich die 1907 geborene Aury. Um den als großen de-Sade-Kenner bekannten Paulhan weiter an sich zu fesseln, lässt die Dame von Welt ihre Fantasie von der Leine. "Im Dämmer zwischen Tag und Schlaf" bringt sie ihre obszöne Geschichte zu Papier - mit Erfolg: Nicht nur, dass der vergötterte Jean seiner Dominique in Liebe und Lust verbunden bleibt. Paulhan ist von Aurys Roman so begeistert, dass er dem Werk ein enthusiastisches Vorwort widmet, für die Veröffentlichung sorgt und mit seinem Einfluss alle amtlichen Zensurbemühungen vereitelt.

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28. April 2008, 07:57   #119
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28. April 1908: Oskar Schindler wird geboren

1939 will Oskar Schindler nur eins: schnell reich werden. Der Unternehmer tritt in die NSDAP ein und folgt den deutschen Truppen nach Polen. In Krakau übernimmt er eine Emaillewaren-Fabrik und produziert Pfannen für die Wehrmacht. In seinem Betrieb arbeiten Juden als billige Arbeitskräfte, die ab 1941 im Ghetto leben müssen. Zwei Jahre später wird das Ghetto geräumt und rund 17.000 Juden in das eigens eingerichtete Zwangsarbeiterlager Plaszow verschleppt. Kommandant des Lagers ist SS-Hauptsturmführer Amon Göth, der bei der Auflösung des Ghettos hunderte Juden ermorden lässt. Von dessen Launen hängt es ab, ob Lagerinsassen erschossen werden. Schindler kennt die Zustände in Plaszow. Er macht dort Geschäfte mit seinem Duzfreund Göth, der ihn zu Saufgelagen in seine Villa einlädt. Schindler, am 28. April 1908 im damals böhmischen Zwittau geboren, gilt als Frauenheld, Spieler und Opportunist.

Doch allmählich wandelt sich der Unternehmer zum Helfer. "Bei Schindler war das ein kontinuierlicher Prozess, das war kein Aha-Erlebnis", erinnert sich Mietek Pemper, ehemaliger Schriftführer der jüdischen Gemeinde, der für Göth als Stenograf arbeiten musste und zu Schindlers Vertrautem wurde. "Er kam ins Lager, unter dem Vorwand, dass er Aufträge an die Metallwerkstätten habe und da trafen wir uns und besprachen das eine oder das andere." Schindler erwirkt bei Göth die Genehmigung, ein eigenes Fabriklager errichten zu dürfen. Dort untersagt Schindler der SS Misshandlungen mit der Begründung, er habe kriegswichtige Produktionsaufträge zu erfüllen. "Die Verfolgung der jüdischen Menschen haben in ihren Grausamkeiten eine allmähliche Steigerung genommen, und ein denkender Mensch, der musste einfach helfen, es war keine andere Möglichkeit", erinnert sich Schindler später.

Als die Ostfront immer näher rückt, will Schindler sein Unternehmen zusammen mit den Arbeitern nach Westen verlagern. Er lässt seine Kontakte zum deutschen Geheimdienst spielen und schmiert SS-Offiziere. Er erhält die Genehmigung für den Umzug ins böhmische Brünnlitz. Die jüdischen Arbeiter und ihre Familien setzt er auf eine Liste. Dank Schindlers Courage überleben fast 1.200 Menschen. Schindler und seine Schützlinge halten in Brünnlitz bis zum Kriegsende durch. "Ich bleibe bei euch bis fünf Minuten nach zwölf. Immer wieder hat er das gesagt", erinnert sich der ehemalige Häftling Poldek Pfefferberg. Schindler hält Wort. Erst in der Nacht zum 9. Mai 1945, unmittelbar nach der deutschen Kapitulation, verlässt er das Lager. Die Juden geben im eine Art Schutzbrief und einen Ring mit auf den Weg. Im Ring ist ein Spruch aus dem Talmud eingraviert: "Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt." Nach dem Krieg gelingt Schindler kein wirtschaftlicher Neuanfang - trotz der Unterstützung seiner jüdischen Freunde. 1964 erleidet er einen Herzanfall, von dem er sich nicht mehr richtig erholt. Er stirbt am 9. Oktober 1974 einsam und verarmt in Hildesheim.

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29. April 2008, 08:54   #120
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29. April 1868: Indianer-Vertrag von Fort Laramie geschlossen

Die Landschaft ist aus unzähligen Filmen bekannt: Das Gebiet um den Yellowstone-, Big-Horn- und Powder-River mit den Black Hills ist so etwas wie das Herz der USA. Hier finden sich auch die Präsidenten-Köpfe im Fels. Dabei gehört das Gebiet rechtlich gar nicht der Regierung in Washington: Es ist Indianerland, den Sioux vertraglich für alle Zeiten überlassen. Große Teile der Staaten North und South Dakota, Montana und Wyoming dürften Weiße gar nicht betreten, ohne die Ureinwohner zu fragen. So besagt es der Vertrag von Fort Laramie, geschlossen am 29. April 1868 - und niemals eingehalten.

Schon um 1860 betreten immer mehr Händler und Siedler das Land um die Black Hills, welche die Sioux "Heilige Berge" nennen. Denn der neu erkundete Bozeman-Trail verkürzt den Weg nach Kalifornien um mehrere hundert Meilen. Aber die Oglala-Sioux unter ihrem Häuptling Mahpiua Luta ("Rote Wolke") wehren sich. 1865 schickt der Kongress eine ganze Armee. Doch der "Powder-River-Feldzug" wird ein Debakel. Die Armee bietet Friedensverhandlungen an, doch Provokateure aus den eigenen Reihen hintertreiben sie. Daraufhin töten die Sioux im Dezember 1866 beim "Fetterman-Massaker" 76 Soldaten. Außerdem beginnt Mahpiua Luta mit Überfällen auf die Bahnlinie der Union Pacific.

So wird die Armee erneut zu Verhandlungen und schließlich zum Vertrag von Fort Laramie gezwungen. "Von diesem Tag an wird es keine Kriege mehr geben zwischen den beiden an diesem Abkommen beteiligten Parteien", sagt der Text. Die anwesenden Häuptlinge schreiben neben ihre Namen ein X. "Rote Wolke" ist nicht unter ihnen. Auch andere Sioux um Häuptling Sitting Bull lehnen das Abkommen ab, weil sie Betrug wittern. Historiker geben ihnen Recht. Washington hat den Vertrag nicht eingehalten: 1870 wird Gold in den Black Hills gefunden. Damit beginnt der letzte Indianerkrieg, der sich bis 1890 hinzieht. Der Kampf ist für viele Sioux auch dann nicht beendet. Von 1923 bis 1980 führen sie einen Prozess. Der Oberste Gerichtshof spricht ihnen 106 Millionen Dollar Schadenersatz zu. Aber die Sioux wollen kein Geld, sondern ihr Land. Heute kämpfen Aktivisten um den Stammesältesten "Weißer Donner" gegen den Uran-Abbau in den Black Hills.

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30. April 2008, 07:38   #121
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30. April 1983: Erstes Punkfestival in der DDR

Zuerst treffen sie sich auf dem Alexanderplatz. Besucher in Ost-Berlin sollen merken: Auch in der DDR gibt es ab Ende der 1970er Jahre Punks. Sie sehen aus wie in der Bundesrepublik. Allerdings ist es für sie viel schwieriger, an das richtige Outfit zu kommen. Ein paar Springerstiefel kosten damals 100 Westmark, bei einem Kurs von eins zu sieben. Während die Punks im Westen gegen die Konsumgesellschaft rebellieren, wehren sich die Punks im Osten gegen den vorgezeichneten Lebensweg: "Kindergarten, Schule, Wehrausbildung NVA, Lehre machen, Kinderkriegen und dann arbeiten und dann Planerfüllung und dann alt zu werden für 400 Mark, das war vorgegeben", heißt es im Dokumentarfilm Ostpunk von 2007. Statt "no future" (keine Zukunft) wie im Westen herrscht aus Punker-Sicht im Osten "too much future" (zu viel Zukunft).

Ihre Musik besorgen sich die Ostpunks im Westen - etwa indem sie ihren Omas eine Einkaufsliste für den West-Berlin-Besuch mitgeben. Die mitgebrachten Platten werden mit Mikrophon und Kassettenrekorder immer wieder kopiert. Selbst Musik machen ist schwieriger und meistens nur in Räumen der Kirchen möglich. Die Bands haben Namen wie Wutanfall, Schleimkeim, Betonromantik und Internationale Müllabfuhr. Das erste Punkfestival der DDR findet am 30. April 1983 in der Christus-Kirche in Halle statt. Mehrere Tausend machen sich auf den Weg. Doch viele werden bei ihrer Abfahrt an den Bahnhöfen abgefangen und nach Hause geschickt. Die Stasi hat die Werbung für das Festival auch gelesen. Ungefähr 3.000 Punks schaffen es bis Halle. Es folgt eine ereignisreiche Nacht: "Die Punks haben gepogt, es gab Schlägereien, der Pfarrer war sehr erschüttert, es wurden irgendwelche Sachen geklaut", erinnert sich Festivalbesucher Alexander Seifert. "Alles das, was man schon mal von Punk gehört hat, ist da abgegangen."

Die staatliche Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Die Punks werden wie Staatsfeinde behandelt. Die Stasi unterwandert die Szene und wirbt Musiker als IM an. Wenige Monate nach dem Festival werden die Mitglieder der Band Namenlos verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Andere Punks werden zum Wehrdienst eingezogen, die jüngeren kommen in Heime für schwererziehbare Kinder. Auf die Repression folgt die Vereinnahmung: Einige Bands werden begnadigt und im offiziellen Jugendradio zugelassen. Die Punkszene löst sich allmählich auf - so wie die DDR ein paar Jahre später auch.

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1. May 2008, 11:33   #122
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01. Mai 1908: Geburtstag des Satirikers Giovanni Guareschi

Jahr für Jahr machen zehntausende Italien-Touristen einen Abstecher nach Brescello. Interessantes hat das schmucklose 5.000-Seelen-Städtchen in der oberitalienischen Po-Ebene eigentlich kaum zu bieten. Trotzdem kommen dem Besucher Kirche, Marktplatz und die Sträßchen drum herum auf seltsame Weise vertraut vor. Man wäre wenig erstaunt, würde aus dem Portal des Gotteshauses plötzlich ein pferdegesichtiger Pfarrer mit wehender Soutane heraus stürmen. Und wenn Hochwürden dann vor dem gegenüberliegenden Municipio, dem Rathaus, auf einen wutschnaubenden, schnauzbärtigen Bürgermeister träfe, so wäre es wahrlich kein Wunder, wenn zwischen den beiden die Fäuste fliegen würden.

Vor einem halben Jahrhundert ist dergleichen häufiger passiert, denn das Örtchen Brescello ist die Kino-Heimat von Don Camillo und Peppone. In fünf Filmen haben Fernandel und Gino Cervi die beiden hier auf unnachahmliche Weise lebendig werden lassen. Giovanni Guareschi allerdings, der Schöpfer der beiden weltberühmten Streithammel, hat in seinem 1948 erschienener Erstling "Mondo piccolo: Don Camillo" ihre Heimat nur den "kleinen Ort in der norditalienischen Po-Ebene" genannt. So spiegelt das Leben in Don Camillos fiktivem Kirchensprengel im Kleinen all das, was sich in der Nachkriegszeit im Großen in ganz Italien abspielt: den Überlebenskampf bettelarmer Bauern gegen skrupellose Großgrundbesitzer und den ideologische Kampf der kommunistischen Partei gegen die Allmacht der katholischen Kirche.

Giovanni Guareschi, am 1. Mai 1908 ganz in der Nähe von Brescello in eine traditionell sozialistische Familie hineingeboren, beginnt seine Autorenkarriere als Lokaljournalist und Humorist. 1936 übernimmt er die Chefredaktion der satirischen Wochenzeitung "Il Bertoldo". Sieben Jahre später muss der entschiedene Gegner von Faschismus und Kommunismus in den Krieg ziehen. 1946, nach zwei Jahren in deutschen Gefangenenlagern, kehrt Guareschi in seine oberitalienische Heimat zurück und startet mit der Gründung des konservativen Satiremagazins "Il candido" seine Nachkriegskarriere als unbequemer politischer Meinungsmacher und Karikaturist. Als überzeugter Christdemokrat lässt er kein gutes Haar am politischen Gegner, aber auch die führenden Köpfe seiner Partei bekommen Guareschis spitze Feder zu spüren. An Weihnachten 1946 veröffentlicht er die erste von insgesamt 366 Geschichten um den polternden Don Camillo, die ihn nach dem Erfolg der Fernandel-Filme von Julien Duvivier weltberühmt machen. Von den Tantiemen kauft sich Giovanni Guareschi in Roncole, nicht weit von seinem Geburtsort Fontanelle di Roccabianca entfernt, eine Kneipe, die er zum Restaurant ausbaut und bis zu seinem Tod am 22. Juli 1968 betreibt.

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4. May 2008, 12:02   #123
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02. Mai 1973: Die ZVS nimmt in Dortmund ihre Arbeit auf

Das Glück mit Ulla P. liegt in den Händen der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS). So jedenfalls sieht es ein liebeskranker Student, der die angehende Juristin unbedingt nach Freiburg locken will. "Bei der Auswahl der Orte hat sie Freiburg leider nur auf Platz 2 gesetzt", schreibt er an die ZVS:"Nun wäre es aber unheimlich wichtig, wenn Ulla hierher nach Freiburg käme, denn ich sehe nur gute Chancen für mich, wenn sie in meine Nähe zieht. Falls Sie nichts für mich tun können, betrachten Sie dieses Schreiben bitte als nicht existent. Auf keinen Fall darf Frau Ulla P. etwas davon erfahren."

Ob die ZVS als Ehestifterin fungierte oder einen jungen Menschen ins Gefühlselend stürzte, ist unbekannt. Entschieden hat sie allerdings wohl auch im Fall von Ulla P. eher aufgrund objektiver Gründe. Am 2. Mai 1973 nimmt die Vergabestelle in Dortmund für zehn Fächer sowie die Kombination Biologie und Chemie auf Lehramt ihre Arbeit auf. Vorangegangen ist die Einführung des Numerus Clausus, der es Universitäten gestattet, die Zulassung zu bestimmten Fächern an die Abiturdurchschnittsnote zu knüpfen - mit der Folge, dass zu Vorlesungsbeginn noch zahlreiche Plätze nicht vergeben waren. Das Bundesverfassungsgericht betont daraufhin die Verpflichtung des Staates, seine Ausbildungskapazitäten durch geeignete Maßnahmen optimal auszuschöpfen. Eine geeignete Maßnahme ist die ZVS.

Trotz elektronischer Datenverarbeitung mit Karteikarten sind die bis zu 120.000 Anträge pro Semester für die ZVS zunächst kaum zu bewältigen. Heute können die Formulare auch online am heimischen Computer ausgefüllt werden. Nach Ansicht von Pressesprecher Bernard Scheer ist das auch gar nicht schwer. "Wenn man für das Ausfüllen des Antrags mehr als eine halbe oder dreiviertel Stunde braucht", rät Scheer, "sollte man sich das mit dem Studium noch einmal überlegen".

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4. May 2008, 12:03   #124
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03. Mai 1933: Soul-Legende James Brown wird geboren

Gäbe es ein Copyright auf theatralische Showinszenierungen und ekstatische Bewegungselemente, Größen wie Jagger, Jackson, Prince und Mercury hätten reichlich Tantiemen abdrücken müssen - an ihn, James Brown, den "Soul Brother No. 1", "hardest working man in showbusiness", an "Mr. Dynamite", an den "Godfather of Soul". Großspurige Ehrentitel hat sich die Sex-Maschine der schwarzen Musik immer gern auch selbst verliehen, aber verdient hat er sie alle. Denn ganz gleich, ob er in seiner 50-jährigen Karriere oben oder unten war - und es ist schwer zu sagen, wo er mehr Zeit verbracht hat - James Browns Einfluss auf sämtliche Popmusik-Stile des letzten halben Jahrhunderts ist unbestritten.

Bis kurz vor seinem Tod am Weihnachtsabend 2006 gibt die Soul-Legende auf der ganzen Welt Konzerte. Und selbst wenn er seinen berühmten Spagat zuletzt nur noch andeuten kann, so schafft es James Brown doch auch mit über 70 noch mühelos, sein eigenes Klischee zu überragen. Wie es sich für eine echte amerikanische "vom Tellerwäscher zum Millionär"-Karriere gehört, beginnt Browns kurvenreicher Lebensweg am 3. Mai 1933 in einer windschiefen Waldhütte in Barnwell, South Carolina. Mit vier Jahren kommt er in die Obhut von Tante Handsome, die ihr Geld mit leichten Mädchen und illegalem Whiskey verdient. Schon damals fällt James durch eine große Klappe, noch größere Musikalität sowie einen fatalen Hang zu Temperamentsausbrüchen und krummen Sachen auf. Als ihm 1956 mit "Please, please, please" sein erster Hit gelingt, hat James Brown als Autoknacker bereits drei Jahre Knast hinter sich.

Schlag auf Schlag gelingen dem Soul-Sänger mit dem energisch aufpeitschenden Gesangsstil weitere Hits. Sein "Say it loud, I'm black and I'm proud" spiegelt das neu entstehende Selbstbewusstsein der schwarzen US-Bürger. Widersprüchlich wie so vieles an James Brown ist sein Einsatz für Präsident Richard Nixon und den Krieg in Vietnam. Anfang der 70er Jahre lässt die Discowelle seine Plattenumsätze sinken und Brown, inzwischen Vater von fünf Kindern, sitzen die Steuerfahnder im Genick. Nach einem Zwischenhoch durch seinen Auftritt im Film "Blues Brothers" und einem Grammy für die Musik zu "Rocky IV" bringt ihn sein ungezügeltes Temperament richtig in die Bredouille: Wegen illegalen Waffenbesitzes, Gewalt gegen seine Frau und Drogendelikten wird James Brown zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Doch der gefallene Superstar findet gnädige Richter. 1992 wird er vorzeitig entlassen und kehrt, inzwischen völlig ruiniert, sofort auf die Bühne zurück. Im Winter 2006 fällt bei einem Zahnarztbesuch Browns katastrophaler Gesundheitszustand auf - zu spät. Am 24. Dezember 2006 erliegt der "Godfather of Soul" in Atlanta, Georgia einer Lungenentzündung.

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4. May 2008, 12:03   #125
Jules
 
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04. Mai 1958: Geburtstag des Künstlers Keith Haring

Die Fahrgäste der New Yorker U-Bahn müssen 1980 nicht mehr schwarz sehen. Auf vielen der unvermieteten und deshalb trist schwarz überklebten Werbeflächen machen sich eines Tages quietschbunte, comicartige Graffiti breit. Eine ganze Menagerie von lustigen Strichmännchen, strahlenden Babys und eckigen Hunden tanzt, springt und purzelt über die Flächen; alles in einfachen Linien schwungvoll auf die Wand fabriziert, schnell zu erfassen und gute Laune verbreitend. Ihren Schöpfer kennen zu jener Zeit nur die Angehörigen der New Yorker Untergrund-Szene - und die Polizisten, die den schnellen Graffiti-Künstler doch immer wieder mal erwischen und wegen Sachbeschädigung festnehmen. Doch schon wenige Monate später krabbelt eins der Babys im Strahlenkranz über den Riesenbildschirm am Times Square.

Heute gibt es kaum einen Winkel der Erde, den die bunten Strichmännchen "mit dem erotischen Charme lustvoller Einfaltspinsel" (Süddeutsche Zeitung) nicht erobert haben. Sie sind kulturübergreifend zu Kunst- wie Kommerzobjekten geworden, zu universell verständlichen Symbolen, die auf nahezu allen Gegenständen des Alltags prangen und als Gemälde zu sechs- und siebenstelligen Summen gehandelt werden. In die Welt gesetzt hat sie ein junger, bebrillter Comic-Fan namens Keith Haring. Am 4. Mai 1958 wird er Reading, Pennsylvania geboren. Er wächst auf, nach eigenen Worten, als "Kind des Atomzeitalters, in einem warmen Wohnzimmer, einigermaßen sicher im Amerika der weißen Mittelschicht".

1978 hat Haring von seiner kleinbürgerlichen Heimat die Nase voll. Er zieht nach New York, lernt an der School of Visual Arts, taucht ein in die wilde Party- und Kunstszene der US-Metropole und genießt es, seinen Lebenshunger und seine Homosexualität auszuleben. Der Avantgardist Andy Warhol hilft dem großen Jungen mit der runden Brille und den schütteren Locken, sich auf dem internationalen Kunstmarkt zu behaupten. Seinen weltweiten Durchbruch erlebt Haring 1982 bei der documenta 7 in Kassel und auf der Biennale in Venedig. Ab Mitte der 80er Jahre spiegeln seine zuvor so unschuldig-infantilen Szenarien zunehmend die düsteren Seiten der Gegenwart. Er engagiert sich für Unicef und gegen Apartheid, Atomenergie und Drogenmissbrauch. 1988 erfährt Keith Haring von seiner HIV-Infektion; im Jahr darauf erscheint das letzte Foto von ihm: Haring ohne Haare, selbst zum Männchen mutiert. Der Mann, der dem Graffito die Tür zur Hochkultur öffnete, erliegt am 16. Februar 1990, nach nur zehn rauschhaften Jahren, mit 31 Jahren der Immunschwächekrankheit.

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